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Das Heerlager der Heiligen: Warum eine Dystopie von 1973 heute unbequemer wirkt als beim Erscheinen

Autorenbild: Moritz Jacoby
Moritz Jacoby
21. Aug.
14 Min. Lesezeit

1973 veröffentlichte der französische Schriftsteller Jean Raspail einen Roman, der schon damals provozieren sollte und genau das auch tat. „Le Camp des Saints“, auf Deutsch „Das Heerlager der Heiligen“, erzählt von rund einer Million Menschen aus Indien, die sich auf etwa hundert Schiffen auf den Weg nach Europa machen. Ihr Ziel ist Frankreich. Sie kommen nicht mit Panzern, nicht mit Kampfflugzeugen und nicht mit Gewehren. Sie erklären Frankreich keinen Krieg. Es gibt keinen Generalstab und keinen militärischen Eroberungsplan. Trotzdem beschreibt Raspail eine Situation, in der ein hochentwickelter westlicher Staat angesichts einer gewaltigen Massenbewegung seine Handlungsfähigkeit verliert. Mehr als fünfzig Jahre später liest sich dieser Roman anders als 1973. Nicht deshalb, weil sich seine Geschichte eins zu eins erfüllt hätte. Vor der französischen Mittelmeerküste liegt keine Flotte mit einer Million Menschen. Aber die Grundfrage des Romans ist heute von einer literarischen Provokation zu einer politischen Realität geworden: Was geschieht mit einer Gesellschaft, wenn immer mehr Menschen in sie hineinwollen und diese Gesellschaft gleichzeitig verlernt, eine Grenze ihrer Aufnahmebereitschaft überhaupt noch als legitim zu begreifen?


Das Entscheidende an Raspails Roman ist nämlich nicht die Flotte. Sie ist das drastische literarische Bild, das er für ein viel grundsätzlicheres Problem wählt. Seine eigentlichen Hauptfiguren sind auch nicht die Menschen auf den Schiffen, sondern die Europäer an Land: Politiker, Journalisten, Kirchenvertreter, Intellektuelle, Helfer, Beamte und Soldaten. Je näher die Schiffe kommen, desto deutlicher wird, dass Frankreich nicht an der militärischen Stärke der Ankommenden scheitert. Es scheitert an sich selbst. Die entscheidende Auseinandersetzung findet nicht auf dem Meer und nicht am Strand statt, sondern in den Köpfen derjenigen, die entscheiden müssten. Darf man die Schiffe abweisen? Darf man die Grenze verteidigen? Darf man das eigene Land und dessen Interessen überhaupt über die Interessen der Ankommenden stellen? Oder wäre bereits diese Entscheidung unmenschlich? Raspail treibt diesen Konflikt bewusst bis ins Groteske. Die Regierung hofft zeitweise sogar darauf, ein Sturm könne das Problem lösen. Dann müsste sie selbst keine Entscheidung treffen. Darin liegt eines der stärksten Bilder des Romans: Der Staat verfügt noch über Macht, aber er verliert den Willen, sie auszuüben. Er ist nicht wehrlos. Er wird entscheidungsunfähig und macht sich damit selbst erst wehrlos.



Genau deshalb lohnt es sich, den Roman heute wieder zu lesen. Denn vier Jahrzehnte nach seinem Erscheinen erlebte Europa eine Entwicklung, bei der dieselben Fragen plötzlich nicht mehr literarisch waren. 2015 wurden allein in der Europäischen Union rund 1,2 Millionen erstmalige Asylanträge gestellt. Deutschland nahm in jenem Jahr nach offiziellen Angaben ungefähr 890.000 Schutzsuchende auf. In den folgenden Jahren kamen weitere Asylmigration, Familiennachzug und reguläre Einwanderung hinzu, später außerdem Millionen Ukrainer, die aufgrund des russischen Angriffskrieges unter einem anderen Schutzstatus nach Europa kamen. Diese Kategorien sind rechtlich und statistisch voneinander zu unterscheiden. Wer aber die verschiedenen Formen der Zuwanderung über einen längeren Zeitraum betrachtet, bewegt sich längst in Dimensionen, in denen das Wort „Millionen“ keine dystopische Übertreibung mehr ist. Raspails eine Million Menschen waren 1973 eine bewusst schockierende literarische Größenordnung. Heute wissen wir, dass Bevölkerungsbewegungen dieser Dimension tatsächlich stattfinden können.

Die interessantere Parallele liegt jedoch nicht allein in der Zahl. Sie liegt in der Reaktion der Aufnahmegesellschaft. Als Angela Merkel 2015 den Satz „Wir schaffen das“ sagte, wurde er zum Symbol einer ganzen politischen Epoche. Für die einen klang er beruhigend, optimistisch und menschlich, für andere beunruhigend, weil er weniger nach Begrenzung als nach Bewältigung einer bereits in Gang gesetzten Entwicklung klang. Genau darin lag die politische Verschiebung: Statt darüber zu diskutieren, ob Deutschland eine Migration dieser Größenordnung wollte, wie sie begrenzt werden könnte und wo die Aufnahmefähigkeit eines Landes endet, rückte zunehmend die Frage in den Mittelpunkt, wie die entstandene Situation organisatorisch zu bewältigen sei. Aus einer Frage politischer Steuerung wurde eine moralische und administrative Aufgabe.


Damit setzte ein Mechanismus ein, den Raspail vierzig Jahre zuvor literarisch auf die Spitze getrieben hatte: Nicht mehr die Entscheidung, Grenzen offen zu halten oder Zuwanderung nur unzureichend zu begrenzen, stand unter Rechtfertigungsdruck, sondern die Forderung nach Begrenzung selbst. Wer Grenzen forderte, musste erklären, warum er nicht unmenschlich war. Wer Zurückweisungen verlangte, musste erklären, warum er kein Fremdenfeind war. Wer über kulturelle Folgen sprach, musste erklären, warum er kein Rassist war. Und wer schlicht fragte, wie viele Menschen Deutschland dauerhaft aufnehmen könne, geriet schnell unter Rechtfertigungsdruck, als sei bereits die Frage selbst moralisch anstößig. Genau hier liegt für mich die verblüffendste Parallele zu Raspail: Sein Frankreich diskutiert irgendwann nicht mehr darüber, welche Entscheidung im Interesse Frankreichs richtig wäre. Es diskutiert darüber, ob Frankreich moralisch überhaupt noch das Recht besitzt, seine eigenen Interessen zum Maßstab zu machen. Seine Dystopie handelt im Kern von einer Gesellschaft, die sich selbst das Recht auf ein Nein aberkennt.


Vor diesem Hintergrund ist auch der Begriff „Invasion“, der im Zusammenhang mit heutiger Migration regelmäßig Empörung auslöst, interessanter, als es die reflexhafte Ablehnung vermuten lässt. Natürlich bezeichnet das Wort zunächst eine militärische Invasion. Wer behauptet, Millionen Migranten seien Soldaten einer zentral organisierten Streitmacht mit einem gemeinsamen Eroberungsplan, müsste dafür Belege vorlegen. Aber Sprache kennt auch Übertragungen. Wir sprechen von einer „Invasion von Touristen“, ohne anzunehmen, Reisegruppen hätten einer Stadt den Krieg erklärt. Wenn mit Invasion eine sehr große Bewegung von Menschen in einen Raum gemeint ist, deren Umfang von der dortigen Gesellschaft und ihren staatlichen Institutionen nicht mehr ausreichend kontrolliert wird, kann man den Begriff drastisch finden und über seine Angemessenheit streiten. Die dahinterliegende Frage lässt sich aber nicht dadurch erledigen, dass man das Wort tabuisiert.


Interessanter ist ohnehin der Mechanismus hinter einer solchen Massenbewegung. Man kann ihn, zumindest strukturell, mit dem Prinzip eines Schwarms vergleichen. Es braucht keinen Anführer, keinen gemeinsamen Plan und keine geheime Absprache, damit Millionen individueller Entscheidungen in dieselbe Richtung eine enorme kollektive Wirkung entfalten. Der einzelne Migrant entscheidet zunächst für sich und seine Familie. Er möchte nach Europa gelangen, in einem bestimmten Land Aufnahme finden, dort Sicherheit, bessere wirtschaftliche Möglichkeiten oder eine dauerhafte Lebensperspektive erhalten. Wenn sehr viele Menschen unabhängig voneinander zu derselben Entscheidung gelangen, entsteht aus individuellen Interessen eine gemeinsame Bewegungsrichtung. Die Wirkung ist kollektiv, obwohl die Entscheidung individuell war.


Diese Wirkung ist keine militärische Macht. Sie besitzt keine Befehlskette, keine Uniformen und kein Hauptquartier. Sie entsteht aus der Zahl. Eine einzelne Person an einer Grenze ist ein individuelles Schicksal. Zehntausend Menschen sind eine politische Herausforderung. Eine Million Menschen werden zu einem gesellschaftlichen Faktor. Millionen Menschen über viele Jahre verändern zwangsläufig Wohnungsmarkt, Schulen, Sozialstaat, Arbeitsmarkt, Städte, Demografie und kulturelle Verhältnisse, obwohl kein einziger Beteiligter diese Gesamtveränderung geplant haben muss. Eine Million zusätzliche Menschen verändern einen Wohnungsmarkt, ohne sich darüber abgesprochen zu haben. Sie verändern Schulen, weil mehr Klassen, Lehrer und Sprachförderung benötigt werden. Sie verändern kommunale Haushalte, weil Unterbringung, Versorgung und Verwaltung finanziert werden müssen. Sie verändern Stadtviertel und Bevölkerungsstrukturen. Das geschieht nicht deshalb, weil jeder Einzelne mit der Absicht gekommen wäre, Deutschland zu verändern. Es geschieht, weil Quantität irgendwann gesellschaftliche Qualität verändert.


Genau darin liegt die Verbindung zu Raspail. Die Macht seiner Million Menschen beruht nicht auf militärischer Organisation. Sie entsteht aus der schieren Zahl und daraus, dass die Menschen dasselbe Ziel verfolgen. Die Masse braucht keinen Feldherrn, wenn ihre Bewegungsrichtung bereits dieselbe ist. Je weniger die Gesellschaft auf der anderen Seite bereit oder fähig ist, dieser Bewegung eine eigene politische Entscheidung entgegenzusetzen, desto größer wird ihre Wirkung. Das ist ein wesentlich interessanterer Gedanke als die Vorstellung irgendeiner geheim gesteuerten Migration. Für eine historische Bevölkerungsbewegung braucht es keine Verschwörung. Es genügen genügend Menschen, für die dieselbe individuelle Entscheidung rational erscheint.


Damit führt Raspail unmittelbar zur Frage nach der Humanität. Humanität ist ein Wert, aber Humanität ist keine Staatsform. Ein Mensch, der tatsächlich Schutz benötigt und einen Schutzanspruch besitzt, soll Schutz finden können. Daraus lässt sich jedoch keine unbegrenzte Aufnahmeverpflichtung gegenüber einer potenziell unbegrenzten Zahl von Menschen ableiten. Irgendwann muss deshalb eine erstaunlich einfache Frage beantwortet werden: Wie viele Menschen kann ein Staat aufnehmen? Hunderttausend? Eine Million? Fünf Millionen? Zehn Millionen? Wo liegt die Grenze? Wer bestimmt sie? Und wenn es überhaupt keine Zahl gibt, ab der man Nein sagen würde, bedeutet das praktisch nichts anderes, als dass keine politisch definierte Grenze existiert.

Ein demokratischer Staat trägt eine besondere Verantwortung gegenüber seinen Bürgern. Seine Bürger wählen seine Regierung, finanzieren seine Institutionen und unterliegen seinen Gesetzen. Natürlich kann und soll ein solcher Staat Menschen außerhalb seiner eigenen Gesellschaft helfen. Aber diese Hilfe muss mit der Verantwortung für das eigene Gemeinwesen vereinbar bleiben. Ein funktionierender Sozialstaat kann großzügig sein. Ein dauerhaft überforderter Sozialstaat verliert diese Fähigkeit. Eine selbstbewusste Gesellschaft kann Menschen integrieren. Eine Gesellschaft, die selbst nicht mehr weiß, welche kulturellen Voraussetzungen sie verteidigen und weitergeben möchte, kann am Ende nur noch unterschiedliche Gruppen nebeneinander verwalten.


Dazu gehört auch ein funktionierendes Recht. Ein Asylverfahren ergibt nur dann Sinn, wenn seine unterschiedlichen Ergebnisse unterschiedliche Konsequenzen haben. Anerkennung bedeutet Bleiberecht. Eine rechtskräftige Ablehnung müsste grundsätzlich Ausreise bedeuten. Wenn eine Ablehnung dagegen häufig in einen langjährigen oder dauerhaften Aufenthalt mündet, verliert das Verfahren einen Teil seiner steuernden Funktion. Ebenso wichtig ist die Trennung der Kategorien. Asyl ist Asyl. Humanitärer Schutz ist humanitärer Schutz. Arbeitsmigration ist Arbeitsmigration. Einwanderung ist Einwanderung. Das Asylrecht ist ein individueller Schutzanspruch und kein Ersatz für eine Einwanderungspolitik. Arbeitsmigration wiederum sollte sich daran orientieren, welche Qualifikationen ein Land benötigt. Wer all diese Kategorien unter einem einzigen moralischen Begriff der Migration zusammenfasst, erschwert gerade jene politische Steuerung, um die es eigentlich gehen müsste.

Dasselbe gilt für Integration. Wer dauerhaft in Deutschland leben will, muss nicht nur den deutschen Staat als Dienstleister akzeptieren, sondern die Gesellschaft, deren Teil er werden möchte: ihre Gesetze, die Gleichberechtigung von Mann und Frau, Religionsfreiheit einschließlich der Freiheit von Religion, Meinungsfreiheit, sexuelle Selbstbestimmung, die Trennung religiöser Gebote von staatlichem Recht und die Vorrangstellung unserer Rechtsordnung. Integration verlangt nicht, die eigene Herkunft zu vergessen. Sie kann aber ebenso wenig bedeuten, dass die Aufnahmegesellschaft ihre eigene Herkunft vergessen soll. Ein Land, das sich selbst kulturell neutralisiert, bekommt irgendwann ein Problem damit, überhaupt noch zu erklären, worin integriert werden soll. Auch darin liegt ein Kern von Raspails Roman: Sein Frankreich wird nicht allein deshalb schwach, weil Menschen von außen kommen. Es wird schwach, weil es zunehmend unfähig ist, den eigenen Fortbestand als legitimes Interesse zu formulieren.


An dieser Stelle führt die Frage zwangsläufig zur Demografie. Afrika ist jung, Europa ist alt. Die afrikanische Bevölkerung wird nach den maßgeblichen Projektionen weiter wachsen, während viele europäische Gesellschaften ohne Zuwanderung schrumpfen und erheblich altern. Zwischen beiden Kontinenten bestehen enorme Unterschiede bei Einkommen, sozialer Sicherheit, staatlicher Stabilität und persönlichen Zukunftsperspektiven. Gleichzeitig war es noch nie so einfach, diese Unterschiede wahrzunehmen. Der potenzielle Migrant des 21. Jahrhunderts trägt Europa in seiner Hosentasche. Ein Smartphone genügt. Verwandte und Freunde, die bereits hier leben, können innerhalb von Sekunden berichten, welche Wege funktionieren und welche Möglichkeiten bestehen. Bestehende Diasporagemeinschaften senken zusätzlich die Hürden. Aus einer Reise ins vollkommen Ungewisse wird zunehmend eine Reise entlang bereits vorhandener Informations- und Familiennetzwerke.

Wie gewaltig dabei das Missverhältnis der Größenordnungen ist, hat der amerikanische Journalist und Migrationskritiker Roy Beck in seinem bekannten Vortrag „Immigration, World Poverty and Gumballs“ auf denkbar einfache Weise dargestellt. Beck verwendet Gummibälle, von denen jeder für eine Million Menschen steht. Einer relativ kleinen Zahl von Bällen für die jährlich aufgenommenen Einwanderer stellt er Tausende Bälle gegenüber, die Milliarden Menschen in ärmeren Weltregionen symbolisieren. Seine konkreten Zahlen stammen aus einer älteren Datenlage und sollten nicht als heutige Statistik verwendet werden. Aber sein eigentliches Argument hängt nicht an diesen Einzelwerten. Es ist ein Größenordnungsargument (Welt Armut, Immigration und Gummibälle - Roy Beck - https://bit.ly/4g6aSd2)


Und genau dieses Größenordnungsargument ist für die europäische Diskussion entscheidend. Eine Million Menschen sind für ein einzelnes europäisches Land eine gewaltige Zahl. Aus der Perspektive eines Kontinents mit weit über einer Milliarde Einwohnern ist dieselbe Million dagegen klein. Europa könnte eine Million Menschen aufnehmen, zwei Millionen oder fünf Millionen. Für Europa wären das Größenordnungen mit erheblichen Folgen. Das strukturelle Problem von Armut, Perspektivlosigkeit und Bevölkerungswachstum in den Herkunftsregionen wäre damit jedoch nicht gelöst. Was für das Zielland bereits gesellschaftlich transformierend sein kann, kann für den Herkunftskontinent demografisch kaum ins Gewicht fallen.

Hier treffen Raspail und Beck auf bemerkenswerte Weise zusammen. Raspail zeigt die Million aus der Perspektive des Ziellandes: eine gewaltige Masse, die einen Staat vor eine fundamentale politische Entscheidung stellt. Beck zeigt dieselbe Größenordnung aus der entgegengesetzten Perspektive: Im Verhältnis zu Milliarden Menschen in ärmeren Weltregionen kann eine Million beinahe verschwinden. Der eine zeigt, wie groß eine Million für das Aufnahmeland ist; der andere, wie klein dieselbe Million gegenüber dem Ausgangsproblem sein kann. Diese Asymmetrie gehört für mich zu den wichtigsten Punkten der gesamten Debatte.


Für den einzelnen Migranten sieht die Rechnung selbstverständlich anders aus. Für ihn und seine Familie kann die Migration nach Europa einen gewaltigen wirtschaftlichen und persönlichen Aufstieg bedeuten. Genau deshalb ist der Anreiz so stark. Was individuell vollkommen rational ist, muss jedoch gesamtgesellschaftlich keine Lösung des Problems sein, aus dem diese individuelle Entscheidung hervorgegangen ist. Und gerade die Ärmsten sind häufig nicht diejenigen, die eine Migration über Tausende Kilometer überhaupt organisieren können. Eine solche Reise verlangt Informationen, Kontakte, Mobilität, Geld und Initiative. Wenn das Ziel tatsächlich darin besteht, möglichst vielen Menschen bessere Lebensbedingungen zu ermöglichen, muss deshalb zumindest die Frage erlaubt sein, ob die Verlagerung eines vergleichsweise kleinen Teils der Bevölkerung in wohlhabende Staaten dafür das sinnvollste Instrument ist oder ob Entwicklung vor allem dort stattfinden muss, wo die überwältigende Mehrheit dieser Menschen lebt.

Damit verändert sich auch die Bedeutung von Raspails Flotte. Er benötigte für seine Dystopie ein spektakuläres Bild: hundert Schiffe und eine Million Menschen, die gleichzeitig auf Frankreich zusteuern. Die Wirklichkeit benötigt diese Flotte nicht. Demografischer Druck, Wohlstandsgefälle, politische Instabilität, moderne Kommunikation, bestehende Migrationsrouten und Diasporanetzwerke können über Jahre und Jahrzehnte eine stetige Bewegung erzeugen. Der einzelne Mensch entscheidet für sich. In der Summe können Millionen solcher Entscheidungen trotzdem eine historische Bevölkerungsbewegung hervorbringen. Raspails Flotte wäre dann keine Vorhersage der konkreten Form, sondern die literarische Verdichtung eines Prozesses, der sich in der Wirklichkeit langsamer und dadurch weniger spektakulär vollziehen kann.


Gleichzeitig altert Deutschland, und Einwanderung wird deshalb häufig als Antwort auf Fachkräftemangel und demografische Probleme präsentiert. Der Gedanke ist grundsätzlich nachvollziehbar, aber er greift zu kurz. Volkswirtschaftlich ist nicht allein entscheidend, wie viele Menschen kommen, sondern wer kommt, welche Qualifikationen diese Menschen besitzen, wie schnell sie in Arbeit gelangen und welche Wertschöpfung daraus entsteht. Ein hochqualifizierter Ingenieur, Arzt, Programmierer oder Handwerker verändert diese Rechnung anders als ein Mensch ohne verwertbare Berufsausbildung, der über viele Jahre nicht in den Arbeitsmarkt integriert werden kann. Das bewertet nicht den menschlichen Wert eines Zuwanderers. Es beschreibt eine ökonomische Realität. Ein Sozialstaat finanziert sich nicht aus Einwohnerzahlen, sondern aus Wertschöpfung, Steuern und Sozialbeiträgen. Deutschland kann qualifizierte Einwanderung benötigen, ohne dass daraus folgt, jede Form der Einwanderung löse seine demografischen Probleme.

Dass Menschenbewegungen sogar bewusst als politisches Druckmittel eingesetzt werden können, zeigte 2021 der Konflikt an der belarussischen Grenze zu Polen, Litauen und Lettland. Das Regime Alexander Lukaschenkos brachte Menschen aus dem Nahen Osten nach Belarus und an die EU-Außengrenze. Die Migranten selbst waren dabei nicht die strategischen Akteure, sondern wurden instrumentalisiert.


Gerade das macht den Vorgang interessant: Eine Menschenbewegung kann geopolitische Wirkung entfalten, ohne dass die einzelnen Menschen selbst eine gemeinsame politische oder militärische Absicht verfolgen. Das Beispiel zeigt damit in konzentrierter Form, welche politische Wirkung Migration entfalten kann, sobald die Aufnahmegesellschaft über den Umgang mit ihr fundamental uneinig ist.

Die entscheidende Zukunftsfrage lautet deshalb nicht, ob Menschen auch künftig nach Europa kommen wollen. Solange erhebliche Wohlstandsunterschiede bestehen, Afrika wächst und Europa Sicherheit, Rechtsstaatlichkeit, soziale Absicherung und vergleichsweise hohe Einkommen bietet, wird dieser Wunsch bestehen. Die Frage lautet, wer entscheidet. Entscheiden europäische Staaten, wer kommen darf, unter welchen Bedingungen jemand bleiben darf und wann ein Aufenthaltsrecht endet? Oder entstehen die Tatsachen zunehmend dadurch, dass genügend Menschen ihre individuelle Entscheidung zur Migration treffen und die Politik anschließend nur noch versucht, die entstandene Situation zu verwalten?


Genau hier kehren wir zum Ausgangspunkt zurück. Denn Entscheidungsfähigkeit ist der eigentliche Gegenstand von Raspails Roman. Ein Staat definiert sich auch dadurch, dass er bestimmt, wer sein Gebiet betreten und wer dort dauerhaft leben darf. Gibt er diese Entscheidung faktisch auf, verliert er einen Teil seiner Souveränität – nicht an die Migranten, sondern durch die eigene Entscheidungsschwäche. Man kann einem Menschen aus einem armen oder instabilen Land kaum moralisch vorwerfen, dass er für sich und seine Familie ein besseres Leben sucht. Unter vergleichbaren Umständen würden vermutlich sehr viele Menschen ähnlich handeln. Die politische Verantwortung liegt deshalb beim Zielland. Seine Regierung entscheidet über Regeln, Leistungen, Grenzkontrollen, Rückführungen und Einwanderungskriterien. Deshalb richtet sich meine Kritik nicht primär gegen diejenigen, die vorhandene Möglichkeiten nutzen. Sie richtet sich gegen eine Politik, die Möglichkeiten schafft und anschließend so tut, als seien deren Folgen unvermeidbar.


Raspails Heerlager steht heute nicht vor Saint-Tropez. Es gibt keine hundert Schiffe und keine Million Menschen, die gleichzeitig an einem einzigen Küstenabschnitt anlanden. Aber vielleicht war die Flotte ohnehin nie der wichtigste Teil seiner Geschichte. Die entscheidende Frage seines Romans ist näher gerückt: Wie viel Selbstbehauptung hält Europa noch für moralisch zulässig? Darf ein Land sagen: bis hierhin und nicht weiter? Darf es Menschen zurückweisen, wenn kein Schutzanspruch besteht? Darf es verlangen, dass rechtskräftig abgelehnte Asylbewerber das Land verlassen? Darf es zwischen Schutz und Einwanderung unterscheiden? Darf es selbst bestimmen, welche Qualifikationen es bei Einwanderern benötigt? Darf es von Menschen, die dauerhaft bleiben, kulturelle Integration verlangen? Darf es offen aussprechen, dass seine Aufnahmekapazität endlich ist? Und darf eine demokratisch gewählte Regierung die Interessen ihrer eigenen Bürger bei diesen Entscheidungen besonders gewichten? Für mich lautet die Antwort auf all diese Fragen: ja. Nicht trotz Demokratie, sondern wegen ihr. Nicht trotz Humanität, sondern damit Humanität dauerhaft möglich bleibt. Und nicht aus Feindseligkeit gegenüber Fremden, sondern aus Verantwortung für das eigene Gemeinwesen.


Jean Raspails Dystopie ist deshalb nicht interessant, weil sie unsere Gegenwart exakt vorhergesagt hätte. Literatur funktioniert nicht wie ein Wetterbericht. Sie ist interessant, wenn sie einen Mechanismus erkennt und ihn bis zum Äußersten weiterdenkt. Raspail erkannte eine Schwäche, die Europa mehr als fünfzig Jahre später noch immer beschäftigt: die Schwierigkeit, zwischen Menschlichkeit und Selbstaufgabe eine Grenze zu ziehen. Seine Regierung hoffte auf einen Sturm, der ihr die Entscheidung abnehmen würde. Heute hoffen wir auf sinkende Asylzahlen, neue Abkommen, geschlossene Routen oder bessere Verhältnisse in den Herkunftsländern. Doch demografische Entwicklungen verschwinden nicht durch gute Absichten, und politische Entscheidungen verschwinden nicht dadurch, dass man sie vertagt.


Vielleicht war Raspails Flotte deshalb tatsächlich das Unwichtigste an seinem Roman. Seine eigentliche Provokation liegt tiefer. Eine Gesellschaft muss nicht militärisch besiegt werden, um die Kontrolle über ihre Gegenwart und ihre Zukunft zu verlieren. Sie kann diese Kontrolle auch selbst aus der Hand geben – Stück für Stück, Entscheidung für Entscheidung, Unterlassung für Unterlassung. Der entscheidende Punkt ist erreicht, wenn sie nicht mehr darüber diskutiert, welche Migrationspolitik ihren eigenen Interessen entspricht, sondern ob sie überhaupt noch das moralische Recht besitzt, eigene Interessen zu formulieren. Genau deshalb wirkt „Das Heerlager der Heiligen“ heute so verstörend aktuell. Nicht weil vor Europas Küsten exakt jene Flotte liegt, die Jean Raspail 1973 erfand. Sondern weil die Frage, die er hinter diese Flotte stellte, bis heute nicht beantwortet ist: Was geschieht mit einem Gemeinwesen, das zwar noch Grenzen auf der Landkarte besitzt, aber zunehmend daran zweifelt, ob es diese Grenzen politisch, rechtlich und kulturell überhaupt noch ziehen darf? Und an diejenigen, die nach all dem nun von mir eine fertige Lösung erwarten: Das war nicht das Ziel dieses Textes, und es ist auch nicht meine Aufgabe. Vor allem aber schmälert das Fehlen einer von mir präsentierten Lösung weder die beschriebenen Tatsachen noch die daraus gezogenen Schlussfolgerungen. Ein Argument wird nicht dadurch falsch, dass derjenige, der es vorträgt, nicht zugleich das politische Gesamtkonzept zu seiner Lösung liefert. Eine demografische Entwicklung verschwindet nicht, weil derjenige, der auf sie hinweist, keinen fertigen Maßnahmenkatalog vorlegt. Ein Widerspruch wird nicht logisch, weil sein Kritiker ihn nicht auflösen kann. Und ein Problem hört nicht auf, ein Problem zu sein, nur weil seine Lösung schwierig ist. Wer ein Haus brennen sieht, muss schließlich auch kein ausgebildeter Feuerwehrmann sein, um feststellen zu dürfen, dass es brennt.

Genau diese Unterscheidung halte ich für wichtig. Dieser Text wollte einen Zusammenhang beschreiben, Größenordnungen sichtbar machen und eine Entwicklung zu Ende denken. Ob meine Analyse schlüssig ist, muss sich an den Fakten, den dargestellten Zusammenhängen und der Logik meiner Schlussfolgerungen messen lassen – und nicht daran, ob ich anschließend auch noch ein vollständiges europäisches Migrations-, Asyl-, Integrations- und Entwicklungskonzept vorlege. Wer meine Argumentation für falsch hält, soll zeigen, wo die Zahlen nicht stimmen, welcher Zusammenhang nicht trägt oder welcher Schluss logisch falsch ist. „Aber was ist denn Ihre Lösung?“ ist darauf keine Antwort. Es ist eine andere Frage.


Für die Beantwortung dieser anderen Frage leisten wir uns hochbezahlte Politiker, Ministerien und Behörden sowie einen gewaltigen Apparat aus Experten, wissenschaftlichen Beiräten, Kommissionen und externen Beratern, der vom Steuerzahler finanziert wird. Von dort müssen tragfähige Lösungen kommen. Dafür werden politische Entscheidungsträger gewählt, dafür stehen ihnen Fachleute, Verwaltungen und erhebliche finanzielle Mittel zur Verfügung. Es kann nicht ernsthaft die Voraussetzung für legitime Kritik eines Bürgers sein, dass dieser neben der Problembeschreibung auch noch jene Arbeit erledigt, für die andere hauptberuflich Verantwortung tragen und bezahlt werden.


Was ich allerdings sehr wohl von diesen politischen Entscheidungsträgern erwarten kann, ist eine eindeutige Prioritätensetzung. Ausgangspunkt jeder Lösung müssen zuerst das Wohlergehen und die Sicherheit der Menschen sein, die bereits hier leben, arbeiten, ihre Familien großziehen, Steuern und Sozialabgaben zahlen und dieses Gemeinwesen tragen. Dazu gehört für mich ebenso die Bewahrung dessen, was dieses Gemeinwesen überhaupt erst zu dem gemacht hat, was es ist: seiner gewachsenen Kultur, seiner Sprachen, seiner Geschichte und seiner Identität. Das bedeutet weder Abschottung noch Gleichgültigkeit gegenüber dem Leid anderer Menschen. Es bedeutet, dass ein Staat wissen muss, wem gegenüber er zuallererst Verantwortung trägt.


Wie eine dauerhaft tragfähige Migrations-, Asyl- und Entwicklungspolitik im Einzelnen aussehen muss, sollen diejenigen erarbeiten, die dafür gewählt, bezahlt und mit einem gewaltigen Verwaltungs-, wissenschaftlichen und politischen Apparat ausgestattet worden sind. Sie sollen Möglichkeiten prüfen, Folgen berechnen, internationales und europäisches Recht berücksichtigen, Fehlanreize beseitigen, Interessen gegeneinander abwägen und schließlich Entscheidungen treffen. Dafür sind sie da. Was ich von ihnen nicht akzeptiere, ist die Behauptung, es gebe grundsätzlich keine Alternative zu Entwicklungen, die durch politische Entscheidungen sehr wohl beeinflusst werden können. Und ebenso wenig akzeptiere ich, dass die Interessen der eigenen Bevölkerung bei dieser Abwägung nur noch als eine Position unter vielen behandelt werden.


Die Lösung schulde also nicht ich dem Leser. Die Lösung schuldet die Politik den Bürgern. Und das Fehlen einer solchen Lösung in diesem Text widerlegt keinen einzigen seiner Gedanken. Wer ihm widersprechen will, muss sich mit seinen Aussagen auseinandersetzen, nicht mit dem Umstand, dass sein Autor keinen fertigen Gesetzesentwurf angehängt hat. Der Maßstab für die Politik sollte dabei nicht sein, wie viele Menschen Deutschland und Europa irgendwie noch aufnehmen und versorgen können. Der Maßstab muss sein, welche Politik auf Dauer Sicherheit, Wohlstand, gesellschaftlichen Zusammenhalt und die kulturelle Kontinuität der Menschen gewährleistet, die hier leben und dieses Gemeinwesen tragen. Erst von diesem Ausgangspunkt aus lässt sich darüber entscheiden, wem darüber hinaus Schutz gewährt werden kann, welche Einwanderung sinnvoll und erwünscht ist und welche Hilfe außerhalb Europas wirksamer geleistet werden kann. Das wäre keine Abkehr von Humanität. Es wäre eine Politik, die Humanität mit Verantwortung verbindet und Verantwortung nicht mit Grenzenlosigkeit verwechselt.

 
 
 

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