Der Dieter ist weg. Nein, noch nicht.
- Moritz Jacoby

- 9. Juni
- 6 Min. Lesezeit
Deutschland steht vor einer Massenauswanderung historischen Ausmaßes. Kabarettisten packen innerlich die Koffer, Schauspieler sondieren Fluchtrouten, Sportjournalisten polieren den Schweizer Pass, CDU-Politikerinnen verabschieden sich prophylaktisch, und ein ehemaliger Ministerpräsident überlegte laut, ob er nach 72 Jahren seine Heimat verlassen würde. Der Auslöser dieser beispiellosen Völkerwanderung: die Möglichkeit, dass die AfD irgendwo mitregieren könnte.
Abgereist ist bisher keiner. Die Koffer stehen noch im Keller. Aber die Ankündigungen sind gemacht, die Zitate sind im Netz, und man sollte diese Menschen beim Wort nehmen. Vor allem sollte man genauer hinschauen, wer da eigentlich droht zu gehen – und was das über jene verrät, die seit Jahren erklären, wie Demokratie funktioniert.
Hannes Jaenicke: Der Entschlossene
Den Anfang machte Hannes Jaenicke, Schauspieler und bekennender Weltverbesserer. Im Mai 2025 erklärte er gegenüber der Bild-Zeitung: „Wenn die AfD sich weiter so entwickelt und tatsächlich eines Tages in die Regierung kommen sollte, dann gehe ich." Kein Wenn und Aber, kein Wohin, einfach weg. Man kennt Jaenicke aus diversen Tier- und Umweltschutzproduktionen, in denen er mit ernstem Gesicht vor der Kamera stand und die Welt zu retten versuchte. Offenbar endet das Engagement für Deutschland an der Wahlurne. Für Eisbären nach Kanada – ja. Für Deutschland bleiben – nein.

Reiner Haseloff: Der Heimatvertriebene im Voraus
Reiner Haseloff, CDU-Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt und dienstältester Landesvater der Republik, überbot Jaenicke im Juni 2025. Er kündigte gegenüber der Bild-Zeitung an, nach 72 Jahren seine Heimat verlassen zu wollen, falls die AfD bei der Landtagswahl 2026 in Sachsen-Anhalt an die Macht käme: „Wenn die AfD zur Macht käme, dann wäre für mich wirklich die Grundsatzüberlegung, ob ich meine Heimat verlassen würde." Ins Ausland müsse er nicht, er habe ja Familie in ganz Deutschland. Das ist weniger Auswanderung als ein Umzug zu Verwandten – aber der dramatische Effekt war gewollt. Was Haseloff dabei elegant verschweigt: Als 1994 die PDS – Rechtsnachfolgerin der SED, Partei der Mauerbauer – eine Minderheitsregierung in Sachsen-Anhalt tolerierte, hat er das Bundesland nicht verlassen. Damals blieb er. Heute, bei der AfD, reicht es ihm. Die Maßstäbe sind bemerkenswert.
Karin Prien: Die Prinzipientreue
Karin Prien, CDU-Politikerin und Bundesbildungsministerin, legte die Latte im Oktober 2025 noch höher. In einem Podcast erklärte sie unmissverständlich: „Wenn die AfD den Bundeskanzler stellt, dann werde ich sicherlich vorher Deutschland verlassen. Das wäre nicht mehr mein Land." Konsequenter als Haseloffs Bundesland-Variante – aber die Frage bleibt dieselbe. Was sagt das über eine Politikerin aus, die jahrelang Verantwortung für dieses Land getragen hat und deren erste Reaktion auf ein unerwünschtes Wahlergebnis die Flucht ist? Mitgemacht, mitregiert, mitverantwortet – und wenn das Volk dann anders wählt: Tschüss.
Armin Mueller-Stahl: Der Kosmopolit mit 95
Armin Mueller-Stahl, 95 Jahre alt und Schauspiellegende, dachte im Oktober 2025 in der Illustrierten Superillu laut nach: „Der zunehmende Antisemitismus, das Erstarken der AfD – ich habe das alles schon einmal erlebt." Er und sein Sohn überlegten, „im Ernstfall, wohin wir gehen könnten". An dieser Stelle möchte man mit allem gebotenen Respekt fragen: Wohin genau plant ein 95-Jähriger auszuwandern? Mueller-Stahl hat die Nazizeit und die DDR persönlich erlebt und überlebt. Dass er ausgerechnet jetzt, bei 29 Prozent für die AfD in Umfragen, die Koffer packen will, sagt leider sehr viel über seinen Realitätssinn – und einiges über sein Demokratieverständnis.
Jan Böhmermann: Der mutige Flüchtige
Im November 2025 gesellte sich Jan Böhmermann dazu, zwangsgebührenfinanzierter Satiriker – 682.000 Euro Jahreshonorar vom ZDF, bezahlt vom Gebührenzahler –, Kämpfer für Meinungsfreiheit und gleichzeitig glühender Verfechter eines AfD-Verbots. Ein Widerspruch, den er mit bemerkenswerter Unbekümmertheit ignoriert. Der Moderator des ZDF Magazin Royale erklärte der Süddeutschen Zeitung: „Meine Kolleginnen, Kollegen und ich, also wir öffentlichen Menschen, wir laufen voran mit unseren Visagen – und wir bekommen es dann auch ab." Wohin er auswandern würde, wollte er nicht verraten: „Sage ich nicht, ich will ja nicht gefunden werden." Ein Mann, der mutig gegen Rechts kämpft, aber im Ernstfall lieber untertaucht als standhält.
Es ist übrigens derselbe Jan Böhmermann, der im Februar 2024 seine Zuschauer mit den Worten verabschiedete: „Nicht immer die Nazikeule rausholen, sondern vielleicht einfach mal ein paar Nazis keulen." Keulen – ein Begriff aus der Tiermedizin, der das Töten von Nutztieren zur Seuchenbekämpfung beschreibt. Mehrere Strafanzeigen wegen Volksverhetzung folgten. Die Staatsanwaltschaft stellte das Verfahren ein. Der mutige Demokrat, der Deutschland verlässt, wenn es ihm zu gefährlich wird, rief vorher noch schnell zur Keulung auf. In sich schlüssig ist das nicht.
Marcel Reif: Die Schweizer Option
Marcel Reif, einer der bekanntesten Sportjournalisten des Landes, machte im Mai 2026 in einem Podcast klar, was er im Ernstfall tun würde: „Mit Schweizer Pass kann ich jederzeit wieder zurückgehen." Reif besitzt die Schweizer Staatsbürgerschaft und hat dort bereits gelebt. Das ist unter allen Ankündigungen noch die glaubwürdigste – er kennt das Land, er hat die Option tatsächlich in der Tasche. Wobei man fragen darf: Die Schweiz hat direkte Demokratie, schützt ihre Grenzen konsequent, hat keine offene Migrationspolitik und ist nicht Mitglied der EU. Was Marcel Reif dort politisch besser gefallen würde als im AfD-regierten Deutschland, bleibt sein Geheimnis.
Dieter Nuhr: Die Enttäuschung
Dieter Nuhr ist ein Sonderfall in dieser Runde. Kein Lautsprecher, kein Aktivist, kein Hofnarr des öffentlich-rechtlichen Betriebs. Er ist einer der wenigen Kabarettisten, der sich nicht einfach ins linke Lager einordnen lässt, der unbequeme Wahrheiten ausspricht, der auch die eigene Seite trifft, wenn es nötig ist. Die Linken halten ihn für zu rechts, die Rechten für zu links – was in der Regel ein gutes Zeichen ist. Umso überraschender, was beim WELT Talk Spezial am 7. Juni 2026 kam. Gefragt nach Alice Weidel als Bundeskanzlerin, sagte er schlicht: „Bin ich weg." Drei Worte, kein Argument, keine Begründung. Von einem Mann, der sonst für Differenzierung steht, hätte man nicht erwartet, dass er ein demokratisches Wahlergebnis zum persönlichen Abwanderungsgrund erklärt. Das ist nicht Haltung. Das ist Demokratieverdrossenheit – nur eben von der anderen Seite. Schade.
Michel Friedman: Der Moralapostel
Michel Friedman, Talkmaster und Moralwächter, schloss sich der Auswanderungsdrohung ebenfalls an. Friedman schwingt in Talkshows seit Jahren unermüdlich die moralische Keule und erklärt Deutschland, was vertretbar ist und was nicht. Seine künstlerische Pause sollte man aber nicht vergessen: 2003 wurde er im Zuge von Ermittlungen wegen Menschenhandels im Rotlichtmilieu als Kunde osteuropäischer Zwangsprostituierter identifiziert und wegen illegalen Kokainbesitzes zu einem Strafbefehl von 17.400 Euro verurteilt, den er widerspruchslos akzeptierte. Er trat von allen öffentlichen Ämtern zurück, bat die Öffentlichkeit um eine „zweite Chance" – und bekam sie, weil das in diesen Kreisen so funktioniert. Seitdem erklärt er Deutschland unverdrossen, was moralisch vertretbar ist. Und jetzt droht er, das Land zu verlassen, falls die AfD regiert. Man fasst es nicht.
Kleiner Hinweis vom deutschen Fiskus
Bevor die Herrschaften jedoch die Koffer packen, ein praktischer Hinweis: Wer in Deutschland ein Unternehmen hat, GmbH-Anteile hält – ab einem Prozent reicht das bereits –, oder als Freiberufler und Selbstständiger hier tätig ist und seit mindestens sieben Jahren steuerpflichtig war, zahlt beim Auswandern eine sogenannte Wegzugssteuer. Der deutsche Fiskus behandelt den Wegzug als fiktiven Verkauf aller Anteile und besteuert die aufgelaufenen stillen Reserven. Bei einem Spitzensteuersatz von 45 Prozent plus Solidaritätszuschlag kann das eine effektive Belastung von rund 27 Prozent des gesamten Wertzuwachses bedeuten. Das Schönste daran: Die Steuer wird fällig, auch wenn kein tatsächlicher Verkauf stattfindet und kein Geld fließt. Man zahlt also Steuern auf Geld, das man gar nicht hat. Böhmermann mit seinen 682.000 Euro Jahreshonorar, Friedman mit seinen Beteiligungen, all die Schauspieler und Moderatoren, die über die Jahre ansehnliche Vermögen angehäuft haben – sie alle sollten vor dem heroischen Abgang einen guten Steuerberater konsultieren. Das Auswandern ist in Deutschland nicht verboten, ebenso wie Haltung zu zeigen. Es ist nur nicht ganz billig.
Noch ein praktischer Hinweis: Die Grenzen
Wer die AfD ernsthaft für eine Partei hält, die Grenzen schließt und Menschen am Ausreisen hindert, sollte sich beeilen. Denn dann wird das Zeitfenster für den heroischen Abgang irgendwann eng. Menschen am Ausreisen zu hindern hat in Deutschland allerdings zuletzt nur eine Partei geschafft – die hieß SED, und sie hat dafür eine Mauer gebaut. Dass ausgerechnet jene, die der AfD unablässig totalitäre Züge unterstellen, nun ankündigen, das Land fluchtartig zu verlassen, bevor es zu spät ist – diese Ironie schreibt sich selbst. Entweder glauben sie wirklich, was sie sagen. Dann sollten sie sich sputen. Oder sie glauben es nicht. Dann sollten sie aufhören, es zu sagen.
Was ist mit den anderen?
Böhmermann, Friedman, Jaenicke, Haseloff, Prien, Nuhr, Reif – das sind alles Menschen, die sehr gut verdienen, die Rücklagen haben, die Kontakte haben, die sich einen Neuanfang im Ausland schlicht leisten können. Für die ist Auswandern eine Option. Für viele von ihnen ist es nicht einmal eine besonders schmerzhafte.
Während diese Herrschaften also ihre Koffer packen – oder zumindest so tun als ob –, gibt es Millionen Menschen in diesem Land, die ihr Deutschland schon heute nicht mehr wiedererkennen. Nicht wegen der AfD. Sondern wegen dem, was jahrzehntelange Politik daraus gemacht hat. Wegen unkontrollierter Zuwanderung, kollabierender innerer Sicherheit, explodierender Energiepreise, galoppierender Bürokratie und einer Deindustrialisierung, die ganze Landstriche wirtschaftlich ausgehöhlt hat. Viele von ihnen würden dieses Land ebenfalls gerne verlassen. Jetzt schon. Nicht weil sie es hassen – sondern weil sie es nicht mehr wiedererkennen.
Nur können sie es nicht. Die haben kein Ferienhaus in der Toskana kein Jahreshonorar von 682.000 Euro, das den Neuanfang komfortabel macht. Die müssen bleiben und mit dem leben, was andere ihnen eingebrockt haben. Und wenn sie dann zur Wahlurne gehen und die AfD ankreuzen, weil keine andere Partei ihre Realität auch nur zur Kenntnis nimmt – dann drohen ausgerechnet jene, die es sich leisten könnten zu gehen, mit ihrem Weggang. Als Strafe für das falsche Kreuzchen.
Das ist kein politisches Argument. Das ist das Privileg der Wohlhabenden, vorgeführt vor denen, die keine Wahl haben. Wie weit muss man von der Realität dieses Landes entfernt sein, um das nicht zu merken?
Es ist keine Strafe. Es ist eine Erleichterung. Auf Wiedersehen, und schöne Grüße an den Steuerberater.



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