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Der nächste Wahlsieger sitzt heute in der Opposition

  • Autorenbild: Moritz Jacoby
    Moritz Jacoby
  • 25. Mai
  • 8 Min. Lesezeit

Sonntag, 27. September 2026, kurz nach achtzehn Uhr. Die ersten Prognosen laufen über die Bildschirme. AfD 27,2 Prozent. CDU/CSU 22,9. Grüne 14,2. SPD 12,3. Linke 11,1. FDP und BSW scheitern mit 3,8 und 3,1 Prozent an der Fünfprozenthürde.

Die AfD ist damit zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik stärkste Partei einer Bundestagswahl, mit über vier Prozentpunkten Abstand zur Union. In den Studios herrscht für einen Moment eine Stille, die man im deutschen Fernsehen selten hört. Es ist die Stille einer politischen Klasse, der gerade vorgeführt wird, dass sie sich seit Jahren in ihrer eigenen Erzählung eingerichtet hatte.



Dabei hatte alles dagegen gesprochen. Wochenlang hatten Umfragen, Talkshows, Leitartikel, sogenannte NGOs, Künstler, Wirtschaftsverbände und ehemalige Verfassungsrichter dieselbe Botschaft gesendet: Schicksalswahl. Verantwortung. Haltung. Es war keine politische Auseinandersetzung mehr, es war eine moralische Mobilisierung.


Und sie hat gewirkt – nur anders, als ihre Initiatoren gedacht hatten. Ehemalige FDP-Wähler wechselten strategisch zur CDU, enttäuschte BSW-Sympathisanten zu SPD oder Linke, Unentschiedene wählten „aus Verantwortung" eine der etablierten Parteien. Das Ergebnis steht jetzt auf dem Bildschirm. Mehr als sechs Prozent der Stimmen aus dem politischen Mittelfeld verschwinden aus der Sitzverteilung. In dem verkleinerten Bundestag ist die AfD am Ende stärker, als ihre 27 Prozent ohnehin nahelegen. Die Strategie, das Ergebnis zu verhindern, hat es verschärft.


Noch am selben Abend erklären CDU, SPD und Grüne, was sie seit Monaten erklären: keine Zusammenarbeit, keine Duldung, keine Gespräche. Sie packen verbal nochmal richtig Steine und Mörtel auf die Brandmauer. So weit, so erwartbar – nur dass die Geste, früher als Schutz der Demokratie verkauft, in diesem Moment etwas anderes geworden ist. Sie richtet sich gegen den Wahlsieger und gegen jeden vierten Wähler, der ihn gewählt hat.


Die Union hat in dieser Wahl mehr verloren als ein paar Prozentpunkte. Sie hat ihre historische Rolle verloren – nicht durch äußere Umstände, sondern weil ihre eigenen Wähler ihr das Vertrauen entzogen haben. Es ist kein Versehen. Die Union hat über Jahre rhetorisch nach rechts geöffnet und faktisch nach links regiert. Im Wahlkampf 2024/2025 dasselbe Muster, jetzt wieder: Migration, Bürgergeld, innere Sicherheit, Industriepolitik, Energie – auf dem Papier konservativ, in der Praxis das Gegenteil. Die Wähler haben das gelernt. Was die CDU lösen muss, ist kein arithmetisches Problem mehr. Es ist ein Vertrauensproblem, und es ist selbstverschuldet.


Die Mathematik des neuen Bundestages ist eindeutig. 630 Sitze, die Mehrheit beginnt bei 316. Die AfD hat 195 Mandate. CDU und SPD kämen zusammen auf 253, CDU und Grüne auf 266 – beides zu wenig. Erst CDU, SPD und Grüne zusammen erreichen mit 355 Sitzen eine Mehrheit. Das alte schwarz-rot-grüne Modell, vor wenigen Jahren noch als „Kenia" verspottet, ist plötzlich die einzige Brücke zur Regierungsfähigkeit. Drei Parteien, die einzeln verloren haben, sollen gemeinsam weiterregieren – nicht weil die Wähler sie damit beauftragt haben, sondern weil der Wahlsieger ausgeschlossen werden soll. Auf dem Papier sieht das nach einer Lösung aus. In der politischen Wirklichkeit ist es eine Zumutung für alle drei.


Für die CDU wäre Kenia die endgültige Bestätigung dessen, was ihre verlorenen Wähler längst wissen: dass ihre konservative Rhetorik ein Werbespot war. Bei der nächsten Wahl wären Hunderttausende endgültig verloren – nicht aus Wut, sondern aus erlernter Skepsis. Für die SPD wäre Kenia womöglich das Ende. Mit 12,3 Prozent steht sie auf einem historischen Tief; eine weitere Beteiligung als Restposten in einer großen Regierung wäre innerparteilich kaum durchsetzbar. Für die Grünen wäre Kenia eine Koalition mit einer Union, die sich im Wahlkampf weiter von ihnen entfernt hat als je zuvor. Bei Migration, Energie und Industrie liegen die Positionen weiter auseinander als in jeder bisherigen Verhandlung.


Wer wird Kanzler? Welche Asylpolitik? Welche Klimaziele? Welcher Umgang mit Bürgergeld, Industrie, Schuldenbremse? An jedem Punkt müssten zwei Parteien Niederlagen schlucken, damit die dritte mitgeht. Die Wochen nach der Wahl füllen sich mit Sondierungen, geleakten Papieren, dementierten Interviews. Die AfD braucht in dieser Zeit nichts zu tun, außer abzuwarten. Mit jedem geplatzten Sondierungstermin wirkt sie geschlossener als die Regierung, die gegen sie zustande kommen soll.

Und dann scheitert es. Vielleicht an einer Personalfrage, vielleicht an einem Mitgliederentscheid, vielleicht an der Erschöpfung der Beteiligten. Die einzige rechnerisch mögliche Mehrheit kommt nicht zustande. Hier beginnt eine politische Lage, für die das deutsche Nachkriegssystem nicht gebaut ist.

Drei Wege bleiben dann. Keiner ist beruhigend, und für die Wähler des Wahlsiegers ist jeder eine andere Form der Demütigung.


Der erste ist die Minderheitsregierung. Die CDU mit 164 Sitzen wäre auf wechselnde Mehrheiten angewiesen. Bei Migration, Sicherheit und Wirtschaft wäre die einzige rechnerisch verfügbare Mehrheit eine, die die Stimmen der AfD einschließt – sofern die Union ihre eigenen Ziele ernst meinte. Entweder bringt sie ihre Gesetze mit Hilfe der AfD durch, dann ist die Brandmauer faktisch gefallen. Oder sie bringt sie nicht durch, dann scheitert sie an genau jener Politik, mit der sie Wahlkampf gemacht hat. Bei sozialen oder ökologischen Themen kehrt sich das Bild um: dann müsste die Union bei SPD, Grünen oder Linken Mehrheiten suchen und damit ihren Wählern erneut bestätigen, dass ihr Programm nichts wert war. Eine solche Regierung könnte verwalten. Gestalten könnte sie nicht.


Der zweite Weg sind Neuwahlen. Wenn auch nach mehreren Versuchen kein Kanzler eine ausreichende Mehrheit findet, kann der Bundespräsident den Bundestag auflösen. Verfassungsrechtlich ein klarer Vorgang, politisch ein Sprung ins Ungewisse. Wer aus solchen Neuwahlen gestärkt hervorgeht, ist nicht schwer zu erraten. Aus 27 Prozent könnten leicht 30 oder 32 werden. Das Grundproblem würde sich nicht lösen, sondern verschärfen.

Der dritte Weg ist die geschäftsführende Regierung auf unbestimmte Zeit. Der amtierende Kanzler bleibt im Amt, bis ein Nachfolger gewählt ist. Größere Reformen wären nicht durchsetzbar, Haushaltsbeschlüsse schwierig, Initiativen zu den wachsenden Problemen blieben aus. Deutschland wäre in einem politischen Schwebezustand – nicht handlungsunfähig, aber handlungsschwach.

In allen drei Szenarien gilt dieselbe Mechanik: Jede gescheiterte Sondierung, jeder Bruch, jede neue Wahl wird zur Bestätigung der AfD – weil die etablierten Parteien als das beschäftigt erscheinen, was sie tatsächlich sind: damit, sich gegen den Wahlsieger zu organisieren, statt das Land zu regieren.


Der Blick nach Europa reicht, um das Muster zu erkennen. Österreich hielt die FPÖ jahrelang außerhalb der Regierungslogik – heute ist sie regelmäßig stärkste oder zweitstärkste Kraft. Frankreich kennt seit Jahrzehnten einen cordon sanitaire gegen das Rassemblement National; die Partei stellte 2024 die größte Einzelfraktion der Nationalversammlung. In den Niederlanden lehnten die etablierten Parteien Wilders kategorisch ab – bis er stärkste Kraft wurde. Italien hielt Meloni für unvorstellbar; heute regiert sie das Land. Schweden lässt sich seit 2022 von den Schwedendemokraten stützen, weil ohne sie keine bürgerliche Mehrheit möglich war.

Das Muster ist auffällig. Die Strategie der Ausgrenzung hat keine dieser Parteien geschwächt. In den meisten Fällen hat sie sie größer gemacht. Wer behauptet, in Deutschland werde es anders sein, müsste begründen, warum. Bisher ist diese Begründung nicht geliefert worden.


Doch der Druck verändert nicht nur das Verhalten der Parteien. Er beginnt langsam, das politische System selbst zu verändern – und genau das verdient die Aufmerksamkeit der demokratischen Öffentlichkeit.

Wenn moralische Ausgrenzung allein nicht mehr ausreicht, reagieren politische Systeme administrativ: über Verfahren, Geschäftsordnungen, Quoren, Finanzierungsregeln, Aufsichtsmechanismen. In Deutschland sind die Wege dafür längst angelegt.


Untersuchungsausschüsse können nach Artikel 44 des Grundgesetzes von einem Viertel der Bundestagsabgeordneten verlangt werden – ein Minderheitenrecht, das jahrzehntelang allen Fraktionen gehörte. Eine Anhebung dieser Schwelle wäre möglich, etwa über eine Verfassungsänderung mit Zweidrittelmehrheit, die ohne die AfD rechnerisch erreichbar wäre. Offiziell zum „Schutz parlamentarischer Verfahren vor Missbrauch". Aus 25 Prozent würden 33. Politisch wäre der Unterschied erheblich: Ein Recht würde leise jener Fraktion entzogen, die zu groß geworden ist, um sich anders kleinhalten zu lassen.


Ähnliches gilt für Ausschussvorsitze. Traditionell erhält die stärkste Oppositionsfraktion wichtige Ausschüsse. Bei der AfD wurde diese Tradition bereits mehrfach durchbrochen – Kandidaten scheiterten in geheimer Wahl, teilweise mehrfach. Juristisch unangreifbar, politisch die Aushebelung einer parlamentarischen Tradition gegenüber einer einzelnen Fraktion.

Auch im Bereich der Parteienfinanzierung sind die Grundlagen vorhanden. Seit 2017 erlaubt Artikel 21 Absatz 3 des Grundgesetzes, verfassungsfeindlich orientierten Parteien staatliche Finanzierung zu entziehen. Das Bundesverfassungsgericht entschied 2023, dass es für parteinahe Stiftungen ein eigenes Finanzierungsgesetz braucht. Seit 2024 gilt das Stiftungsfinanzierungsgesetz – Mittel erhalten nur Stiftungen, deren Träger als verfassungstreu gelten. Eine Partei, die im Bundestag sitzt, deren Wähler diesen Staat mit ihren Steuern mitfinanzieren, soll an einem Topf nicht teilhaben, an dem alle anderen teilhaben. Das Instrument ist geschmiedet.


Im Mai 2025 hat das Bundesamt für Verfassungsschutz die AfD bundesweit als „gesichert rechtsextremistische Bestrebung" eingestuft. Die Partei klagt dagegen, das Verfahren läuft noch. Doch bereits die Einstufung verändert etwas. Beamte mit AfD-Nähe geraten unter Druck – Lehrer, Polizisten, Soldaten, Richter. Jede einzelne Maßnahme lässt sich begründen. In ihrer Summe entsteht ein Klima, in dem die Mitgliedschaft in einer demokratisch zugelassenen Partei zum beruflichen Risiko wird.


Daneben wirken Mechanismen außerhalb des Staates: Ausladungen aus Talkshows, stornierte Veranstaltungssäle, öffentlicher Druck auf Unternehmen, Ausschlüsse aus Verbänden, Diskussionen über Gemeinnützigkeit. Nichts davon wirkt für sich außergewöhnlich. Zusammen verändern sie das politische Klima auf eine Art, die vor zehn Jahren niemand für möglich gehalten hätte.


Jede einzelne Maßnahme mag begründbar erscheinen. Schutz demokratischer Institutionen. Arbeitsfähigkeit des Parlaments. Extremismusprävention. Stabilität. Die Schutzgüter sind real. Doch je dichter dieses Netz wird, desto deutlicher entsteht ein Muster. Je stärker die AfD wurde, desto häufiger entstanden neue Regeln, neue Verfahren, neue Schutzmechanismen. In ihrer Summe entstand etwas Neues – kein offener Bruch, keine Zäsur, sondern die schrittweise Anpassung eines politischen Systems an eine Partei, die es nicht integrieren will, und an einen Teil seiner eigenen Wähler, dessen Stimme es nicht hören mag.


In einer Lage, in der die Regierungsbildung scheitert, beschleunigt sich diese Anpassung. Wer in der Krise „Stabilität sichern" als Argument einbringt, hat eine andere Durchsetzungskraft als in normalen Zeiten. Genau dort beginnt das, was sich in keiner Sonntagsrede zugeben lässt: dass die etablierte Politik dann nicht mehr für das gesamte Volk regiert, sondern gegen einen wachsenden Teil davon.

Was sich in einem solchen System verändert, ist zunächst kaum sichtbar. Keine Straßenschlachten, keine dramatischen Schlagzeilen. Eher eine langsame Erosion. Die Vorstellung, dass jede Stimme zählt, lebt davon, dass Wahlen Folgen haben. Wenn ein wachsender Teil der Wähler erlebt, dass die eigene Stimme dauerhaft ohne Wirkung bleibt – nicht wegen fehlender Zustimmung, sondern wegen fester Ausschlussmechanismen –, dann verändert sich nicht nur das Verhältnis dieser Wähler zur Politik. Es verändert sich das Verhältnis des Staates zu seinen Bürgern.


Das betrifft nicht nur überzeugte AfD-Wähler, sondern auch jene, die aus Protest oder Enttäuschung gewählt haben. Viele von ihnen hätten in einem normalen politischen Wettbewerb zurückgewonnen werden können. Stattdessen werden sie behandelt, als hätten sie etwas Verbotenes getan. Wer dauerhaft als unzulässig behandelt wird, beginnt irgendwann, sich dem System gegenüber zu verhalten, wie das System sich ihm gegenüber verhalten hat. Das ist keine Drohung. Das ist eine alte politische Lehre.

Es ist legitim, eine Partei für so problematisch zu halten, dass man mit ihr nicht koalieren möchte. Was nicht legitim ist, ist die Vorstellung, dass diese Haltung folgenlos bleibt. Eine dauerhaft ausgeschlossene stärkste Kraft ist kein stabiler Zustand. Der Druck verschwindet nicht. Er verlagert sich – aus dem Parlament in die Verfahrensregeln, aus den Programmen in die Geschäftsordnungen, aus dem politischen Wettbewerb in den administrativen Apparat.


Die Frage ist längst nicht mehr, ob die AfD Teil der politischen Realität ist. Sie ist es – mit 27 Prozent, mit 195 Mandaten, mit Millionen Wählern, die sich nicht in eine moralische Kategorie einsortieren lassen, in die das Establishment sie gerne stecken würde. Die eigentliche Frage lautet, wie lange ein politisches System glaubhaft so tun kann, als wäre dieser Teil seiner Wählerschaft nicht legitim. Und was geschieht, wenn der Versuch, ihn draußen zu halten, das System selbst lahmlegt.


Eine Demokratie gerät nicht in Schwierigkeiten, weil Menschen vermeintlich falsch wählen. Sie gerät in Schwierigkeiten, wenn ein wachsender Teil der Bevölkerung erlebt, dass Wahlen für sie keine politischen Folgen mehr haben dürfen.

 
 
 

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