Deutschlands Juden und die AfD – Freund oder Feind?

Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, hat behauptet, jüdisches Leben wäre in Deutschland nicht mehr möglich, käme die AfD auf Bundesebene an die Regierung; er selbst denke dann an Flucht. Das ist ein außerordentlich schwerer Vorwurf gegen eine Partei, die von Millionen Menschen gewählt wird. Selbstverständlich darf Schuster diese Meinung äußern. Wer einen solchen Vorwurf erhebt, trägt aber auch die Beweislast.
Das Amt, das Herr Schuster inne hat, verschafft dieser Behauptung Reichweite und Gewicht. Zweierlei leistet es jedoch nicht: Es ersetzt nicht den Beleg, den ein so schwerer Vorwurf verlangt und es macht aus einer institutionellen Position noch nicht die Meinung der Mehrheit der Juden in Deutschland. Schuster spricht mit der Autorität seines Amtes, nicht mit einem nachgewiesenen Mandat der Juden in Deutschland. Ob die Mehrheit es genauso sieht, ist damit nicht gesagt. Gut möglich, dass viele ganz anders denken. Der Beleg fehlt.
Eine öffentlich dokumentierte repräsentative Umfrage darüber, wie jüdische Bürger oder in Deutschland lebende Israelis tatsächlich zur AfD stehen, gibt es nicht. Die Aussage „Die Juden lehnen die AfD ab“ ist damit ebenso wenig bewiesen wie das Gegenteil. Allein diese Forschungslücke ist bemerkenswert. In Deutschland werden politische Einstellungen zu beinahe jedem denkbaren Thema erhoben: Wahlabsichten, Migration, Vertrauen in Institutionen, persönliche Ängste, gesellschaftliche Konflikte und politische Selbstverortung. Auch jüdische Bürger werden zu ihrem Sicherheitsgefühl, ihrer religiösen Identität, ihrer Gemeindezugehörigkeit und zur Arbeit ihrer Interessenvertretungen befragt. Ausgerechnet zu einer der schärfsten und öffentlichkeitswirksamsten politischen Positionen des Zentralrats fehlt aber eine belastbare Erhebung.

Warum fragt niemand repräsentativ, ob jüdische Bürger die AfD für eine Gefahr halten, ob sie der Haltung des Zentralrats zustimmen, welche politischen, religiösen oder gesellschaftlichen Gruppen sie als größte Bedrohung empfinden, ob sie sich vorstellen könnten, die AfD zu wählen oder ob sie der Partei beim Schutz Israels und jüdischen Lebens vertrauen? Natürlich ist es methodisch schwierig, eine zahlenmäßig kleine und sehr unterschiedliche Bevölkerungsgruppe repräsentativ zu befragen. Nicht alle Juden sind Mitglied einer Gemeinde. Nicht jeder Israeli in Deutschland ist über jüdische Organisationen erreichbar. Herkunft, Sprache, Religiosität und politische Orientierung unterscheiden sich erheblich. Trotzdem überzeugt mich diese Erklärung nicht wirklich. Gerade weil die Frage so relevant ist und der Zentralrat seine Warnungen mit größter Gewissheit vorträgt, müsste ein besonderes Interesse daran bestehen, die Betroffenen selbst zu befragen - und das Ergebnis zu veröffentlichen.
Dass dies offenbar nicht geschieht, lässt auch einen anderen Verdacht zu: Vielleicht will man das Ergebnis gar nicht so genau wissen. Eine solche Befragung könnte die Position des Zentralrats bestätigen. Sie könnte aber ebenso ein erheblich differenzierteres Bild zeigen. Vielleicht lehnen viele Juden die AfD ab, betrachten sie aber nicht als existenzielle Gefahr. Vielleicht unterscheiden sich Gemeindemitglieder, säkulare Juden, russischsprachige Zuwanderer und Israelis erheblich voneinander. Vielleicht empfinden viele den islamistischen und importierten Antisemitismus als die weitaus größere Bedrohung. Ein solches Ergebnis könnte die Eindeutigkeit der öffentlichen Verbandslinie natürlich stören.
Niemand kann beweisen, dass solche Befragungen bewusst vermieden werden, weil man ihre Ergebnisse nicht haben oder nicht veröffentlichen möchte. Ich halte diese Vermutung aber zumindest für legitim. Wer seit Jahren mit größter Entschiedenheit erklärt, eine Partei bedrohe jüdisches Leben, müsste eigentlich wissen wollen, wie die jüdische Bevölkerung selbst darüber denkt. Gerade das Fehlen einer solchen Erhebung ist deshalb nicht belanglos, sondern erklärungsbedürftig.
Was bleibt, sind Eindrücke, und meine decken sich nicht mit dem, was die Verbandsspitze sagt. Wenn ich mit jüdischen Bürgern spreche, mit Privatleuten und nicht mit Funktionären, höre ich ein deutlich breiteres Bild, als es die offiziellen Erklärungen zeichnen. Diese Gespräche sind ebenfalls nicht repräsentativ. Sie zeigen mir aber, dass die öffentlich sichtbare Verbandsposition keineswegs die einzige jüdische Haltung zur AfD ist. Ich bin überzeugt, dass die Schärfe dieser Erklärungen mehr mit der politischen Brandmauer zu tun hat, an der sich der Verband ausrichtet, als mit der tatsächlichen Bandbreite jüdischen Denkens in diesem Land. Nein, beweisen kann ich das nicht. Äußern darf ich es aber, solange ich es als das kennzeichne, was es ist: meine Überzeugung, gewonnen aus Gesprächen, Beobachtungen und aus dem, was einzelne jüdische Stimmen sagen, wenn sie sich denn äußern.
Dass der Zentralrat für seine angeschlossenen Organisationen spricht, ist unbestritten. Dass er für alle Juden in Deutschland spricht, ist eine Gleichsetzung, die niemand belegt hat und die trotzdem ständig mitschwingt. Sie wird brüchig, sobald man genauer hinschaut. Die „Juden in der AfD“ ist nur eine kleine Gruppe - aber es gibt sie. Ihre bloße Existenz widerlegt bereits die Vorstellung einer jüdischen Einheitsmeinung, die nur noch von den offiziellen Verbänden verkündet werden müsste.
Auffällig ist dennoch, wie geschlossen die führenden jüdischen Organisationen die AfD ablehnen. Gemeinsame Erklärungen werden von zahlreichen Verbänden unterzeichnet. Die verwendeten Argumente ähneln sich, ebenso die politische Schlussfolgerung. Öffentliche Gegenstimmen aus dem Kreis der organisierten jüdischen Gemeinschaft sind kaum wahrnehmbar. Eine formelle oder geheime Weisung des Zentralrats an sämtliche jüdischen Organisationen ist nicht belegt. Dafür gibt es kein bekanntes Dokument und keinen nachgewiesenen Befehl. Ich behaupte daher nicht, dass Josef Schuster oder der Zentralrat anderen Organisationen vorschreibt, was sie zu sagen haben. Aber institutionelle Gleichförmigkeit benötigt nicht zwingend eine schriftliche Direktive.
Organisationen können sich informell koordinieren. Sie können gemeinsame Texte abstimmen, sich an einer erwarteten Linie orientieren oder öffentlichen Widerspruch vermeiden, weil sie politische Isolation, innerverbandliche Konflikte oder einen Verlust an Ansehen befürchten. In eng miteinander verbundenen Strukturen genügt häufig das Wissen, welche Position als akzeptiert gilt und welche nicht. Eine mögliche institutionelle oder informelle Koordinierung wäre daher zumindest eine denkbare Erklärung für den auffälligen Gleichklang.
Interessant wäre zu wissen, wie die gemeinsamen Stellungnahmen tatsächlich zustande kommen. Werden die Mitglieder der unterzeichnenden Organisationen beteiligt? Entscheiden ausschließlich die jeweiligen Vorstände? Werden fertige Texte zur Mitzeichnung vorgelegt? Gibt es interne Gegenstimmen? Welche Organisationen unterschreiben nicht, und warum? Was geschieht mit Funktionären, die öffentlich eine abweichende Haltung vertreten? Ohne solche Einblicke lässt sich nicht beurteilen, ob die Geschlossenheit der Erklärungen tatsächlich die Vielfalt jüdischer Auffassungen abbildet oder vor allem das Ergebnis institutioneller Abstimmung ist.
Auch die prominentesten Warner sind politische Menschen mit einer Vorgeschichte. Michel Friedman, der in dieselbe Richtung warnt wie Schuster, ist kein amtierender Funktionär mehr. Er war jedoch jahrzehntelang Mitglied der CDU, saß im Bundesvorstand und verließ die Partei erst Anfang 2025, nachdem im Bundestag eine Unionsmehrheit mit AfD-Stimmen zustande gekommen war. Das entwertet seine Kritik nicht. Auch er spricht aber nicht nachweisbar für die Mehrheit der Juden. Wer ihn als politisch ungebundene oder neutrale Instanz zitiert, verschweigt seine jahrzehntelange parteipolitische Verankerung und seine bis heute ausdrücklich politische Rolle.
Man muss dann jene Zitate ansehen, auf die sich der Antisemitismusvorwurf stützt, und zwar im Original. Gauland hat 2018 nicht „den Holocaust einen Vogelschiss genannt“, wie die geläufige Verkürzung behauptet. Er setzte die zwölf Jahre der nationalsozialistischen Herrschaft der Dauer nach zur längeren deutschen Geschichte ins Verhältnis. Man kann seine Wortwahl für drastisch, unangemessen oder politisch töricht halten. Ein Beweis für Judenhass ist sie nicht. Höckes „Denkmal der Schande“ von 2017 ist grammatisch mehrdeutig. Die Lesart „Denkmal zur Erinnerung an unsere Schande“ ist sprachlich möglich und wurde von ihm später ausdrücklich reklamiert. Seine Rede war eine scharfe Kritik an der deutschen Erinnerungspolitik. Auch diese Kritik kann man ablehnen. Sie ist aber nicht automatisch ein Beleg für Judenfeindlichkeit.
Wolfgang Gedeon ist ein anderer Fall. Er hat tatsächlich Schriften veröffentlicht, die als antisemitisch bewertet wurden. Die AfD schloss ihn schließlich aus der Partei aus, wenn auch erst nach langen Auseinandersetzungen, denn Parteiausschlußverfahren sind in Deutscvhland sehr kompliziert und langwierig.
Sein Fall beweist, dass tatsächlich und eindeutig antisemitische Positionen in der AfD vorkamen. Er beweist nicht, dass sie Programm oder Wesen der Gesamtpartei sind. Aus einzelnen Männern folgt nicht der Charakter einer Partei mit Zehntausenden Mitgliedern, solange kein struktureller, programmatischer oder mehrheitlich geduldeter Beleg das trägt.
Wer aus einzelnen Äußerungen den Charakter einer ganzen Partei ableiten will, darf gerade dann die gegenteiligen Aussagen führender AfD-Politiker nicht unterschlagen. Gerade Alexander Gauland erklärte nach dem rechtsextremistischen Anschlag auf die Synagoge in Halle seine uneingeschränkte Solidarität mit der jüdischen Gemeinde und der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland. Antisemitischer Terror müsse unabhängig von Richtung und Gesinnung konsequent bekämpft und hart bestraft werden. Bernd Baumann erklärte im Bundestag für die AfD-Fraktion: „Wir stehen für das Existenzrecht Israels, zum Lebensrecht des jüdischen Volkes.“ Beatrix von Storch erklärte, die AfD strebe eine enge Zusammenarbeit mit Israel an und verteidige jüdisches Leben in Deutschland. Sie forderte klare Konsequenzen gegen Antisemitismus und Israelhass, darunter ein vollständiges Verbot der Hisbollah, das Ende staatlicher Förderung BDS-naher Organisationen und ein Ende der besonderen Kennzeichnung israelischer Produkte. Auch Albrecht Glaser erklärte gemeinsam mit Vertretern von „Juden in der AfD“, die Partei setze sich nachdrücklich für jüdisches Leben in Deutschland und für das Existenzrecht Israels ein.
Man kann solche Aussagen als politische Erklärungen kritisch prüfen. Man darf aber nicht Gaulands „Vogelschiss“ und Höckes „Denkmal der Schande“ als angeblich entlarvende Beweise behandeln, während eindeutige Solidaritätsbekundungen mit jüdischem Leben und Israel vollständig ausgeblendet oder konsequent umgedeutet werden. Wer den Charakter einer Partei anhand der Aussagen ihrer Spitzenvertreter beurteilen will, muss auch jene Aussagen berücksichtigen, die nicht in das gewünschte Bild passen und diese in einen erklärenden Kontext setzen.
Noch gewichtiger als Worte ist das parlamentarische Verhalten. Die AfD beantragte ein Verbot der BDS-Bewegung, forderte Maßnahmen gegen Hisbollah, Hamas, PFLP und Samidoun und stimmte 2024 im Bundestag dem Antrag „Nie wieder ist jetzt – Jüdisches Leben in Deutschland schützen, bewahren und stärken“ zu. Sie forderte ein härteres Vorgehen gegen islamistische und israelfeindliche Organisationen und kritisierte deutsche sowie internationale Geldflüsse, die solchen Strukturen zugutekommen könnten. Eine Partei, die Israel boykottieren, jüdisches Leben zurückdrängen oder Antisemitismus politisch dulden wollte, würde anders handeln.
Die Israelpolitik der AfD ist deshalb keine Tarnung, sondern eine Haltung. Sie ruht auf einem einfachen Gedanken: Israel ist die einzige Demokratie im Nahen Osten, der einzige Staat der Region, der westliche Werte lebt, und es steht an vorderster Front gegen Islamismus, politischen Islam und den Terror, der aus diesen Lagern kommt - und in Deutschland von gewissen Milieus gestützt wird. Wer Israel in diesem Kampf stützt, verteidigt auch die eigene Ordnung. Die AfD wollte als erste Partei Jerusalem als Hauptstadt anerkannt sehen und stellte sich gegen den al-Quds-Marsch. Das als bloßes Werkzeug gegen Muslime abzutun, ist selbst eine Unterstellung. Sie behauptet ein Motiv, das sie nicht kennt, und übergeht die naheliegende Erklärung: dass man eine bedrohte Demokratie unterstützt, weil sie eine Demokratie ist und weil ihre Feinde auch unsere freiheitliche Ordnung bekämpfen. Alles nur Trug und Täuschung?
Der am häufigsten genannte konkrete Programmpunkt, an dem die Partei jüdische Religionspraxis unmittelbar berührt, ist die Ablehnung des betäubungslosen Schlachtens. Sie folgt einem Tierschutzargument, das Muslime ebenso betrifft, aber eben auch das koschere Schächten. Das ist ein realer Konflikt zwischen Tierschutz und Religionsfreiheit und gehört benannt. Es ist aber kein Beweis für Judenhass.
Denn die konkrete Bedrohung jüdischen Lebens in Deutschland geht heute nachweislich nicht von der politischen Rechten aus. Seit dem 7. Oktober 2023 sind die antisemitischen Vorfälle sprunghaft gestiegen. Ein großer Teil ist israelbezogen, islamistisch geprägt oder stammt aus einem linken, antiimperialistischen und antizionistischen Milieu. Die Folgen zeigen sich auf offener Straße, an Universitäten, vor Synagogen und im Alltag jüdischer Bürger. Das ist kein abstrakter Verdacht, sondern die Lage der vergangenen Jahre.
Selbst der Zentralrat benennt rechten, linken und muslimischen Antisemitismus als Realität. Trotzdem konzentrieren sich die parteipolitischen Warnungen führender jüdischer Funktionäre auffällig stark auf die AfD. Die AfD zieht aus der Entwicklung migrations- und sicherheitspolitische Konsequenzen deutlicher als die meisten anderen Parteien. Ihr wird genau das seltener als Verdienst denn als Verdachtsmoment ausgelegt. Wer die Gefahr für Juden überwiegend rechts und dabei besonders bei der AfD verortet, beschreibt aus meiner Sicht eher eine politische Gewichtung als die konkrete Wirklichkeit.
Damit lässt sich ein Urteil formulieren, ohne die Belege zu überdehnen. Der Satz „Die AfD ist eine Gefahr für jüdisches Leben“ beansprucht eine Gewissheit, die es nicht gibt. Er stützt sich auf Einzelfälle, interpretierte Zitate, einen religionspolitischen Konflikt und auf die unausgesprochene Gleichsetzung einer Verbandsposition mit der Stimme aller Juden. Diese Gleichsetzung ist der eigentliche Fehler, und sie sollte offen benannt werden.
Jüdische Verbände dürfen warnen. Das ist ihr Recht. Problematisch wird es, wenn ihre institutionelle Warnung in Politik und Medien wie das Urteil der gesamten jüdischen Bevölkerung behandelt wird und der schwere Vorwurf ohne einen entsprechend schweren Beleg im Raum stehen bleibt. Hinzu kommen zwei offene Fragen, die bislang niemand überzeugend beantwortet hat: Warum treten die führenden jüdischen Organisationen so geschlossen auf, während abweichende jüdische Stimmen kaum vorkommen? Und warum gibt es ausgerechnet zu dieser zentralen politischen Frage keine öffentlich dokumentierte repräsentative Befragung?
Eine geheime Direktive kann ich nicht belegen. Eine bewusste Vermeidung unerwünschter Umfrageergebnisse ebenfalls nicht. Ich halte beides dennoch für legitime Fragen. Wer wirklich über die Bedrohung jüdischen Lebens reden will, sollte zuerst dorthin schauen, wo diese Bedrohung konkret stattfindet. Und er sollte zur Kenntnis nehmen, dass die AfD sehr genau dorthin schaut, während andere den Blick lieber abwenden.



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