Die Legende von der isolierten AfD

Um zu verstehen, was 2024 zwischen der AfD und anderen rechten Parteien Europas zerbrach, muss man wissen, was vorher zusammengehörte. Seit 2019 saß die AfD im Europäischen Parlament in der Fraktion Identität und Demokratie, kurz ID, gemeinsam unter anderem mit dem französischen Rassemblement National von Marine Le Pen, der italienischen Lega Matteo Salvinis, der österreichischen FPÖ und dem belgischen Vlaams Belang. Eine solche Fraktion ist mehr als ein Sitzplan: Sie bringt Geld, Personal, Redezeit und parlamentarische Posten, und sie ist das sichtbarste Zeichen dafür, dass Parteien sich als politische Partner verstehen. Fünf Jahre lang gehörten diese Parteien demselben Bündnis an.
Im Mai 2024 endete diese Zusammenarbeit. Am 23. Mai wurde die gesamte AfD-Delegation aus der ID-Fraktion ausgeschlossen; der Rassemblement National hatte darauf gedrängt, und unter anderem Lega und Vlaams Belang stimmten dafür, während sich FPÖ und die estnische EKRE dagegen stellten. Der unmittelbare Auslöser waren Äußerungen des damaligen AfD-Spitzenkandidaten Maximilian Krah, der in einem Interview erklärt hatte, er werde nicht pauschal jeden Angehörigen der SS zum Verbrecher erklären. Den gesamten Konflikt auf diesen einen Satz zu reduzieren wäre allerdings zu einfach, denn schon Monate zuvor hatte Marine Le Pen wegen der Berichte über das Potsdamer Treffen und die dort diskutierten „Remigrations“-Vorstellungen öffentlich mit Konsequenzen gedroht, und hinzu kamen weitere Kontroversen um Krah.
Im Ausschlussantrag selbst war deshalb von einer ganzen Reihe von Vorfällen die Rede, die dem Zusammenhalt und dem Ruf der Fraktion geschadet hätten. Der Bruch war also real, und ihn kleinzureden wäre genauso falsch wie das, was anschließend daraus gemacht wurde: die Erzählung, „Europas Rechte“ habe sich von der AfD abgewandt, weil selbst sie die deutsche Partei inzwischen für zu radikal halte. Als Beschreibung der gesamten europäischen Rechten hält diese Behauptung einer genaueren Betrachtung nicht stand.

Le Pen hatte ihre eigenen Gründe
Marine Le Pen arbeitet seit Jahren an einem politischen Großprojekt, der Regierungsfähigkeit des Rassemblement National. In Frankreich nennt man diesen Prozess dédiabolisation, die Entdämonisierung der Partei, und um zu verstehen, wovon sie sich dabei löst, muss man ihre Herkunft kennen. Der RN hieß bis 2018 Front National und wurde 1972 unter Beteiligung von Vichy-Nostalgikern, früheren Waffen-SS-Angehörigen und Aktivisten der OAS gegründet; ihr Gründer Jean-Marie Le Pen, Marine Le Pens Vater, bezeichnete die Gaskammern öffentlich und mehrfach als „Detailpunkt der Geschichte“. Genau dieses Erbe hat seine Tochter über ein Jahrzehnt abzustreifen versucht, bis hin zum Bruch mit dem eigenen Vater, den sie 2015 aus der Partei drängte, und der Umbenennung 2018. Ihr Ziel ist, die Wähler der bürgerlichen Mitte davon zu überzeugen, dass der RN nicht mehr der alte Front National ist.
Vor diesem Hintergrund war Krahs SS-Äußerung unmittelbar vor der Europawahl für sie politisch toxisch, nicht als Urteil über die AfD, sondern weil ein deutscher Bündnispartner, der über individuelle SS-Mitgliedschaft debattiert, genau das Gespenst zurückholt, das Le Pen mühsam vertrieben hat. Der Wähler, den sie umwirbt, fragt nicht, ob die AfD der NSDAP ähnele, sondern ob sich der RN wirklich gewandelt habe; und Krahs Satz liefert ihren Gegnern die Vorlage, mit „noch immer der alte FN“ zu antworten.
Sie brach also nicht, weil ihr die AfD zu radikal geworden wäre, sondern weil ein Partner drohte, ihre eigene Vergangenheit zu reaktivieren. Das heißt nicht, dass zwischen RN und AfD keinerlei inhaltliche Differenzen bestanden hätten; Le Pen hatte schon nach den Berichten über Potsdam erklärt, mit den dort diskutierten Vorstellungen nicht einverstanden zu sein. Entscheidend ist aber etwas anderes: Aus diesem konkreten Konflikt lässt sich nicht ableiten, dass sich die europäische Rechte insgesamt ideologisch von der AfD verabschiedet hätte. Schon die Abstimmung über den Ausschluss zeigte das, denn FPÖ und EKRE wollten die gesamte AfD-Delegation gar nicht loswerden. Von einer einheitlichen europäischen Front gegen die AfD konnte selbst im Mai 2024 keine Rede sein.
Die AfD blieb keineswegs ohne europäische Partner
Noch deutlicher wurde das nach der Europawahl. Am 10. Juli 2024 entstand im Europäischen Parlament die neue Fraktion Europa der Souveränen Nationen, ESN, die mit 25 Abgeordneten aus acht Staaten startete, vierzehn davon von der AfD. Mit dabei waren unter anderem Vertreter der französischen Reconquête, der tschechischen SPD, der ungarischen Mi Hazánk, der slowakischen Republika und der bulgarischen Wiedergeburt. Institutionell war die AfD damit zwar von ihren bisherigen Partnern getrennt, parlamentarisch isoliert war sie aber keineswegs; im Gegenteil, sie wurde zur mit Abstand stärksten Partei einer neuen europäischen Fraktion. Parallel entstand mit den Patriots for Europe ein zweiter großer rechter Block um Rassemblement National, Fidesz, FPÖ, Lega und Vlaams Belang. Die europäische Rechte war also nicht in ein Lager gegen und ein Lager mit der AfD zerfallen, sondern hatte sich in mehrere konkurrierende Fraktionen neu sortiert.
Getrennte Fraktionen, erstaunlich ähnliche Programme
Wie begrenzt diese Trennung programmatisch ist, zeigt ausgerechnet eine Analyse der Stiftung Wissenschaft und Politik, die die Grundlagen der Patriots for Europe mit denen der AfD-geprägten ESN verglich und zu einem bemerkenswerten Ergebnis kam: Beide Dokumente ähneln sich in Ausrichtung und Wortwahl stark, weshalb die politische Trennlinie zwischen den Fraktionen unscharf bleibe. Eine Fraktionsgrenze im Europäischen Parlament ist eben nicht automatisch eine ideologische Grenze. Bei Migration, nationaler Souveränität, der Kritik am Green Deal, der EU-Zentralisierung und in Teilen auch bei der Ukrainepolitik überschneiden sich Patriots und ESN erheblich; bei mehreren Ukraine-Abstimmungen votierten große Mehrheiten beider Fraktionen sogar in dieselbe Richtung. Die deutlichere außenpolitische Trennlinie verläuft teilweise zwischen diesen beiden Lagern und der EKR um Giorgia Melonis Fratelli d'Italia und die polnische PiS, denn bei Russland und der Ukraine spielen nationale Sicherheitsinteressen eine enorme Rolle. Für die polnische Rechte ist Russland aufgrund der Geschichte und der geografischen Lage eine völlig andere Bedrohung als für Teile der deutschen, österreichischen oder ungarischen Rechten. Das sind echte politische Unterschiede, die sich nicht mit einem simplen Schema aus gemäßigt und radikal erklären lassen.
Die angeblich Isolierten haben erstaunlich viele Freunde
Besonders deutlich wird das beim Blick auf die Zeit nach 2024. FPÖ-Chef Herbert Kickl bezeichnete AfD und FPÖ im deutschen Bundestagswahlkampf 2025 ausdrücklich als Partner und gratulierte Alice Weidel und der AfD nach der Wahl öffentlich zu ihrem „großartigen Wahlerfolg“. Viktor Orbán empfing Weidel im Februar 2025 in Budapest, und seine Begründung ist für die ganze Debatte aufschlussreich: Er räumte ein, trotz inhaltlicher Nähe zuvor mit Kontakten zur AfD vorsichtig gewesen zu sein, weil Ungarn gute Beziehungen zur jeweils amtierenden deutschen Regierung brauche und zwischenstaatliche Interessen nicht wegen parteipolitischer Beziehungen beschädigt werden dürften. Politische Distanz nach außen bedeutet eben nicht automatisch ideologische Distanz. Diese Rücksicht hielt Orbán inzwischen offenbar nicht mehr für nötig, denn beim Treffen mit Weidel erklärte er, die AfD repräsentiere für ihn die Zukunft, und die Umsetzung zentraler AfD-Positionen wäre auch für Ungarn von Vorteil. Auch Frankreich lässt sich nicht auf Marine Le Pen reduzieren: Mit Reconquête sitzt eine französische Rechtspartei gemeinsam mit der AfD in der ESN. Von einer geschlossenen „französischen Rechten“, die sich gegen die AfD gestellt hätte, kann also keine Rede sein.
Alte Gegner bewegen sich wieder
Besonders aufschlussreich ist die Entwicklung in Italien. Roberto Vannacci, 2024 noch für die Lega ins Europäische Parlament gewählt, verließ Anfang 2026 die Partei, gründete seine eigene Bewegung Futuro Nazionale und wechselte wenige Wochen später aus dem Umfeld der Patriots in die AfD-geprägte ESN, wo er erklärte, er identifiziere sich vollständig mit den Prinzipien und Idealen der Fraktion; ESN-Chef René Aust bestätigte, man habe Gemeinsamkeiten und Unterschiede geprüft und nur sehr wenige Differenzen festgestellt. Noch bemerkenswerter ist Matteo Salvini, dessen Lega den Ausschluss der AfD 2024 mitgetragen hatte: Nach dem Erfolg der AfD bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt im September 2026 gratulierte er öffentlich seiner „Freundin Alice Weidel und der gesamten AfD“ und verteidigte das Ergebnis ausdrücklich als demokratische Entscheidung. Selbst Polen zeigt, wie wenig ein einfaches Freund-Feind-Schema taugt: Dort bestehen zwar erhebliche Vorbehalte gegen die AfD, vor allem wegen Russland, historischer Fragen und deutscher Interessen gegenüber Polen, und der ehemalige Ministerpräsident Mateusz Morawiecki warnte im September 2026 ausdrücklich vor bestimmten Positionen der Partei — im selben Atemzug aber riet er dazu, die AfD nicht zu boykottieren, sondern mit ihr zu reden. Das ist keine politische Liebeserklärung, aber eine europäische Brandmauer - man könnte auch sagen eine heiße Kartoffel - sieht anders aus.
Was vom Mythos der europäischen Isolation übrig bleibt
Die nüchterne Bilanz fällt deshalb komplizierter aus als die Erzählung, die in Deutschland daraus gemacht wurde. Ja, 2024 kam es zu einem echten Bruch: Der Rassemblement National wollte nach den Kontroversen um Potsdam und vor allem nach Krahs SS-Äußerung nicht länger mit der AfD in einer Fraktion sitzen, und mehrere Parteien unterstützten den Ausschluss. Daraus aber wurde eine viel größere Behauptung konstruiert, nämlich dass selbst Europas Rechte die AfD für so extrem halte, dass sie nichts mehr mit ihr zu tun haben wolle — und diese Behauptung lässt sich nicht halten. Die FPÖ betrachtet die AfD ausdrücklich als Partner, Orbán empfängt Weidel und lobt ihre Politik, Salvini gratuliert ihr öffentlich, französische Reconquête-Abgeordnete sitzen mit ihr in einer Fraktion, Parteien aus mehreren Staaten gründeten mit ihr die ESN, und Vannacci wechselte 2026 sogar aus dem Umfeld der Patriots zu ihr, weil er kaum inhaltliche Differenzen sah.
Gleichzeitig wäre es ebenso falsch, sämtliche Distanzierungen zu bloßem Theater zu erklären. Zwischen den europäischen Rechtsparteien bestehen reale Unterschiede — bei Russland und der Ukraine, bei historischen Fragen, bei außenpolitischen Interessen und teilweise auch bei Migration und „Remigration“ —, und dazu kommen unterschiedliche nationale Strategien, denn eine Partei kurz vor der Regierungsübernahme hat andere Interessen als eine Oppositionspartei. Gerade deshalb führt die Vorstellung einer einheitlichen „europäischen Rechten“ in die Irre: Es gibt mehrere rechte und nationalkonservative Lager, die miteinander konkurrieren, kooperieren, sich abgrenzen und wieder annähern, und Fraktionszugehörigkeit, persönliche Beziehungen und programmatische Nähe verlaufen dabei keineswegs immer parallel.
Der AfD-Ausschluss von 2024 beweist deshalb weder, dass es nie einen Konflikt gegeben hätte, noch dass die AfD von Europas Rechten dauerhaft ausgestoßen worden wäre. Er beweist zunächst nur, dass einige ihrer damaligen Partner die politische Belastung einer weiteren gemeinsamen Fraktion im Mai 2024 für größer hielten als deren Nutzen. Was danach geschah, gehört genauso zur Geschichte: Die AfD gründete mit Parteien aus sieben weiteren Staaten eine neue Fraktion, frühere und neue Partner unterstützten sie öffentlich, Politiker wie Kickl und Orbán stellten sich demonstrativ an ihre Seite, Salvini nahm nach zwei Jahren wieder freundschaftlich auf Weidel Bezug, und selbst dort, wo erhebliche Differenzen bestehen, wird inzwischen teils ausdrücklich gegen einen Boykott argumentiert. Von einer europaweit isolierten AfD kann keine Rede sein.
Wer also aus dem ID-Ausschluss des Jahres 2024 den Beweis machen will, die AfD sei selbst für Europas Rechte dauerhaft unberührbar geworden, erzählt einfach nur aus Kalkül und aus dem Wunsch heraus die AfD zu diskreditieren, die falsche Geschichte.



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