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Fußball WM 2026 - Nationalmannschaft ohne Nation?

  • Autorenbild: Moritz Jacoby
    Moritz Jacoby
  • 3. Juni
  • 6 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 4. Juni

Ein Facebook-Post hat mich dieser Tage zum Nachdenken gebracht. Der Verfasser — erkennbar aus dem linksgrünen Milieu, erkennbar auf Provokation aus — schrieb sinngemäß, AfD-Wähler würden die DFB-Mannschaft wohl nicht feiern, schließlich seien das zu 90 Prozent Passdeutsche. Der Satz zielt auf eine klare Unterstellung: AfD-Wähler sind Rassisten, also lehnen sie eine Mannschaft ab, die nicht weiß genug ist. Diese Form der indirekten Diffamierung ist im linksgrünen Diskurs seit Jahren Standardwerkzeug. Man behauptet nichts direkt, man impliziert nur. Und wer widerspricht, hat sich damit bereits verdächtig gemacht.

Dabei trifft der Satz in eine ganz andere Richtung, als sein Autor dachte. Wer so argumentiert, räumt unfreiwillig ein, dass Nationalmannschaften eben doch mehr sind als eine beliebige Ansammlung gültiger Ausweisdokumente. Sonst wäre die Zusammensetzung der Mannschaft kein Argument. Sonst würde niemand damit provozieren.


Das Konzept der Nationalmannschaft hat sich unter dieser Logik selbst überholt. Wenn Nation nur noch ein Verwaltungsbegriff ist, wenn Herkunft, Kultur, Geschichte, Sprache und gewachsene Zugehörigkeit keine Rolle mehr spielen sollen, dann ist eine deutsche Nationalmannschaft nichts anderes als eine beliebige Auswahl von Spielern mit deutschem Pass. Dann spielt nicht mehr Deutschland gegen Frankreich, sondern eine Passauswahl gegen die andere — ohne Bedeutung, ohne wirkliche Bindung an das Land, ohne Begründung dafür, warum man als sportinteressierter Zuschauer für die eine Mannschaft und nicht für die andere sein sollte. Allenfalls noch wegen der farblichen Andersheit der Trikots oder den Frisurkreationen der Spieler.



Das Wettbewerbsproblem

Dazu kommt ein Widerspruch, über den erstaunlich selten gesprochen wird. Große Teile linker Theorien betrachten Wettbewerb grundsätzlich skeptisch — nicht wegen einer Laune, sondern aus ideologischer Konsequenz. Bereits bei Marx galt Konkurrenz nicht als natürlicher Bestandteil menschlicher Gesellschaften, sondern als Ausdruck kapitalistischer Macht- und Besitzverhältnisse. Wer gewinnt, hat das System auf seiner Seite. Wer verliert, ist Opfer struktureller Ungleichheit. Leistungsgesellschaft, Elitenbildung, nationale Rivalität — alles Symptome, die es zu überwinden gilt. Diese Grundhaltung ist kein Zufall und kein Missverständnis. Sie ist Programm. Im Bildungsbereich sieht man die Folgen längst: entschärfte Bundesjugendspiele, weichgespülte Notensysteme, Leistungsvergleiche, die zunehmend als pädagogisch bedenklich gelten. Der Gedanke dahinter bleibt immer derselbe — Wettbewerb produziert Unterschiede, Unterschiede sind ungerecht, also weg damit.

Eine Fußball-Weltmeisterschaft funktioniert nach dem exakt gegenteiligen Prinzip. Nationen treten gegeneinander an. Es gibt Sieger und Verlierer, Dominanz und Ausscheiden, Stolz und Blamage — vor Millionen Zuschauern, ohne pädagogische Gruppenumarmung der gegnerischen Mannschaften im Mittelkreis. Der gesamte Reiz solcher Turniere besteht darin, dass Leistung zählt und Unterschiede sichtbar werden. Wer schlecht spielt, fliegt raus. Das ist der Grund, warum Menschen seit Jahrtausenden Wettbewerbe lieben.


So alt wie die Zivilisation

Wer solche Wettbewerbe als völkisch oder nationalistisch verdächtigt, muss konsequenterweise bei den Olympischen Spielen der Antike anfangen. Bereits die griechischen Stadtstaaten schickten ihre besten Athleten nach Olympia — nicht um den anderen zu erniedrigen, sondern um sich zu messen. Korinth gegen Athen, Sparta gegen Theben. Kein gemeinsames Volk, keine gemeinsame Sprache im modernen Sinne, aber ein gemeinsames Verständnis davon, dass Stärke, Ausdauer und Können einen Vergleich verdienen. Dass dieser Vergleich zwischen unterschiedlichen Gemeinschaften stattfand, war kein Problem. Er war der Sinn der Sache.


Dieses Prinzip hat die Jahrhunderte überlebt, weil es einem menschlichen Grundbedürfnis entspricht. Der moderne Fußball hat es lediglich globalisiert. Jules Rimet, der französische FIFA-Präsident, der 1930 die erste Weltmeisterschaft in Uruguay aus der Taufe hob, dachte dabei nicht an ethnische Reinheit oder nationale Überlegenheit. Er wollte zeigen, dass Nationen auf einem neutralen Feld — dem Spielfeld — messen können, wer besser ist. Sport als friedlicher Austragungsort von Rivalitäten, die andernfalls keine Bühne hätten. Die WM war von Anfang an ein Bekenntnis dazu, dass Unterschiede zwischen Nationen existieren, dass man sie sichtbar machen kann, und dass das kein Grund zur Feindschaft sein muss. Genau das Gegenteil von dem, was der Völkisch-Vorwurf unterstellt.


Wer heute also die Frage stellt, ob eine Nationalmannschaft noch etwas repräsentiert, das über den Pass hinausgeht, betreibt keine Regression ins Finstere. Er knüpft an eine Tradition an, die so alt ist wie organisierte menschliche Gemeinschaften. Jede Nation, die jemals an einem internationalen Wettbewerb teilgenommen hat, wäre nach dieser Logik belastet. Das ist kein Argument mehr, das ist eine Reductio ad absurdum – also ein Gedankengang, der sich durch seine extremen Konsequenzen selbst widerlegt.


Die Fahne aus dem Keller

Der DFB und seine mediale Schutztruppe wollen beides gleichzeitig: nationale Emotion vermarkten und nationale Identität entkernen. Man soll jubeln, aber bitte nicht fragen, wofür. Man soll „Deutschland, Deutschland" rufen, aber nicht zu genau wissen wollen, was damit gemeint ist. Nationalstolz gilt als problematisch — außer er verkauft Trikots, Bier und Fernsehminuten. Dann darf die Fahne wieder aus dem Keller, natürlich nur befristet und mit pädagogischer Begleitmusik. Bezeichnend dafür ist auch, wie der Verband mit Sprache umgeht. Wo früher selbstverständlich von der „Nationalmannschaft" die Rede war, spricht der DFB heute bevorzugt vom „DFB-Team" oder schlicht von „der Mannschaft". Das Wort „national" wirkt in diesen Kreisen offenbar erklärungsbedürftig. Was dabei herauskommt, ist kein Sport mehr. Es ist betreutes Fühlen mit Sponsorenlogo.


Der Satz mit den „90 Prozent Passdeutschen" provoziert nicht zufällig. Er greift ein Gefühl auf, das viele haben, aber kaum noch aussprechen, ohne sofort moralisch ins Visier genommen zu werden zu werden. Viele Menschen fragen sich, ob eine Mannschaft, die Deutschland repräsentieren soll, noch als Ausdruck des eigenen Landes empfunden wird — oder eher als Projektionsfläche für eine politische Erzählung: Deutschland als bloßer Aufenthaltsraum, Zugehörigkeit als Verwaltungsakt, Identität als austauschbare Option. Nichtsagend und belanglos. Wer diese Frage stellt, muss nicht gegen einzelne Spieler sein. Es geht darum, ob der Begriff Nationalmannschaft noch etwas mit wirklich bedeutendem Inhalt ist — oder nur noch ein Platzhalter für etwas, das für ein gewisses Milieu keine Bedeutung mehr hat und auch nicht haben soll.


Man kann die Frage auch universalisieren, und dann wird sie noch unbequemer. Würden die Italiener eine Nationalmannschaft akzeptieren, die ausschließlich aus eingebürgerten Spielern aus ehemaligen Kolonialgebieten besteht — Spielern, denen man den Pass vielleicht sogar gezielt für diesen Zweck ausgestellt hat? Würden die Argentinier eine Mannschaft als ihre eigene empfinden, die nur aus Asiaten besteht? Würden die Spanier, die Engländer, die Brasilianer? Die Frage zwingt dazu, ehrlich zu sein: Irgendwo existiert für jede Gesellschaft eine Grenze dessen, was sie noch als Repräsentation ihrer selbst erkennt. Diese Grenze zu benennen ist kein Rassismus. Es ist die Voraussetzung dafür, dass das Konzept „Nationalmannschaft" überhaupt einen Sinn ergibt.


Pass auf Bestellung

Der spanische Verband RFEF und der Nationale Sportrat CSD stellten 2019 einen Eilantrag auf Einbürgerung des damals 16-jährigen Ansu Fati, der in Guinea-Bissau geboren worden war — damit er für Spaniens Nationalteam spielberechtigt wurde. Der Antrag wurde bewilligt. Fati war talentiert, das stand außer Frage. Aber der Antrieb war kein staatsbürgerlicher. Er war sportpolitischer Natur: Der Verband wollte den Spieler, also wurde der Pass organisiert.

Noch deutlicher war der Fall bei der Handball-WM 2015 in Katar. Der Gastgeber verpflichtete damals zahlreiche etablierte Nationalspieler anderer Länder, die nach einer dreijährigen Wartefrist für Katar spielen durften — gelockt mit entsprechenden Anreizen. Das katarische Team erreichte das Finale und wurde Vizeweltmeister. Eine Nationalmannschaft als Söldnertruppe mit befristetem Pass, zusammengestellt für ein einziges Turnier. Die Hymne wurde gespielt, die Fahne geschwenkt, niemand hat ernsthaft gefragt, was dabei noch repräsentiert wurde.

Das ist die logische Konsequenz, wenn Zugehörigkeit zur reinen Verwaltungskategorie wird. Wenn ein Pass schnell genug ausgestellt werden kann, um einen Spieler für ein Turnier zu qualifizieren, hat das Wort „Nationalmannschaft" seinen Inhalt verloren. Was bleibt, ist eine Lizenzmannschaft unter Landesflagge.


Europa der Nationen

Rechts-Konservative Parteien sprechen seit Jahren vom „Europa der Nationen". Der Gedanke ist simpel: Zusammenarbeit ja, Auflösung nationaler Identitäten nein. Fußballturniere wirken für viele Menschen deshalb wie einer der letzten Räume, in denen Nationen überhaupt sichtbar und selbstverständlich existieren dürfen. Frankreich tritt als Frankreich auf. Italien als Italien. Millionen Menschen verstehen intuitiv, dass Zugehörigkeit mehr bedeutet als Verwaltungsgrenzen oder Binnenmarktregeln. Akademische Milieus mögen Nationen für überholt erklären — die Stadien tun es nicht.


Eine ehrliche Debatte müsste nüchtern beginnen: Wenn Nationalmannschaften nationale Zugehörigkeit darstellen sollen, dann darf auch darüber gesprochen werden, was Zugehörigkeit bedeutet. Staatsangehörigkeit allein erzeugt keine Identifikation. Ein Pass ist ein Rechtsdokument, keine kulturelle Verwurzelungserklärung. Wenn der Begriff „Nationalmannschaft" das nicht mehr abbilden soll, dann sollte man ihn abschaffen und die Wettbewerbe als das bezeichnen, was sie sind: internationale Turniere unter bunten Fahnen — Länderspiele ohne Länder - aber immer mit Haltung und politisch-ideologischer Botschaft. Alles andere ist Heuchelei — Nation als Gefühlskulisse ja, Nation als ernstzunehmende Bindung nein. Die Zuschauer sollen die Widersprüche schlucken, damit die Funktionäre weiter Haltung plakatieren und Kasse machen können.

 
 
 

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