Sie werden es Widerstand nennen
- Moritz Jacoby

- 3. Juni
- 8 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 4. Juni
Ich hoffe, ich irre mich. Ich schreibe diesen Text in dem Wissen, dass ich ihn lieber nicht schreiben würde — weil das, was ich für wahrscheinlich halte, niemand wollen kann, der dieses Land liebt. Aber genau deshalb schreibe ich ihn jetzt, im Frühsommer 2026, einige Monate bevor im Osten gewählt wird. Wer Entwicklungen kommen sieht und schweigt, macht sich mitschuldig.
Was jeden Tag passiert — bevor überhaupt gewählt wurde
Es ist kein Herbstszenario. Es passiert jetzt, jede Woche, irgendwo in Deutschland. AfD-Infostände in Fußgängerzonen werden blockiert, Mitglieder und Unterstützer bedroht, behindert, angegriffen. Helfer werden bedrängt, bespuckt, körperlich attackiert. Plakate werden systematisch abgerissen — nicht vereinzelt, sondern in organisierten Aktionen, in der Nacht, flächendeckend. Parteilokale werden beschmiert, Scheiben eingeworfen, Fassaden mit Farbbeuteln beworfen. Autos von Funktionären brennen. Das sind keine Einzelfälle mehr, das ist politischer Alltag in der Bundesrepublik des Jahres 2026 — und er findet weitgehend ohne nennenswerte öffentliche Empörung statt.

Das Bundesinnenministerium weist seit 2018 aus, dass die AfD die mit Abstand häufigste parteipolitische Zielscheibe politisch motivierter Kriminalität ist. Brandanschläge auf Parteibüros, Übergriffe auf Politiker — Frank Magnitz 2019, Andreas Jurca 2023 —, zerstörte Privatfahrzeuge wie im November 2025 im Fall des Bundestagsabgeordneten Bernd Baumann, eingeworfene Fenster bei Familien mit Kindern. Die Liste lässt sich für jedes Jahr seit 2017 fortschreiben. Wer das zur Kenntnis nehmen will, kann es. Die Berichte existieren, die Polizeistatistiken existieren, die Beweise existieren. Was nicht existiert, ist eine breite gesellschaftliche Debatte darüber, was es bedeutet, wenn eine Partei mit knapp dreißig Prozent Wähleranteil im öffentlichen Raum systematisch mit physischer Gewalt bekämpft wird — von Gruppen, die sich selbst als Verteidiger der Demokratie verstehen. Die Täter wissen das. Sie kalkulieren es ein.
Der Befund
Die Herbstwahlen 2026 werden eine politische Zäsur markieren. Im September stehen die Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern an. In beiden Flächenstaaten liegt die AfD nach allen Umfragen stabil zwischen 28 und 41 Prozent; in Sachsen-Anhalt ist eine relative Mehrheit nicht ausgeschlossen. Ein Teil dessen, was nach diesen Wahlen kommt, lässt sich heute schon beschreiben: eine Welle der Gewalt aus dem militanten Antifa-Spektrum gegen AfD-Politiker, AfD-Wähler und AfD-Unterstützer, in einer Intensität, wie sie die Bundesrepublik seit den siebziger Jahren nicht gesehen hat. Vorbereitet durch eine Sprache, die jeden Angriff auf die AfD mit dem Mantel des Antifaschismus verschleiert. Auch herbeigeführt - oder zumindest verbal begleitet - durch Parteien, die seit Jahren wissen, was sie befördern — und nichts unternehmen, um es zu verhindern.
Die übliche Erklärung westdeutscher Kommentatoren — abgehängte Regionen, ostdeutsche Sonderwege, unvollendete Demokratisierung — verfehlt den Punkt vollständig. Die strukturellen Probleme, auf die ostdeutsche Wähler reagieren, existieren im Westen mindestens ebenso: Energiepolitik, die Industriearbeitsplätze kostet; Migrationspolitik, die kommunale Strukturen überfordert; sinkende Kaufkraft; Bevormundung von der Heizungsanlage bis zur Sprache. Wer 1989 erlebt hat, wie eine politische Klasse, die sich für alternativlos hielt, innerhalb weniger Wochen ihre Legitimität verlor, hat eine andere Sensibilität für die Distanz zwischen Reden und Folgen. Was im Westen als „extremistisch" gilt, ist im Osten oft die nüchterne Bilanz dessen, was politisch funktioniert und was nicht.
Die Sprache, die den Boden bereitet hat
Diese Gruppen haben die Sprache nicht erfunden. Sie haben sie übernommen — aus Talkshows, aus Leitartikeln, aus Bundestagsreden, aus Statements von Parteivorsitzenden, die sich zur Mitte zählen. Robert Habeck sprach 2024 von einer Partei, die „die Demokratie zerstören" wolle. Saskia Esken nannte AfD-Mitglieder „Nazis im Nadelstreifen". Friedrich Merz, inzwischen Bundeskanzler, bezeichnete die AfD als „Hauptgegner der Demokratie". Diese Formulierungen sind keine Polemiken. Sie sind Sprachregelung - für immer mehr auch Auftrag.
Wer eine Partei als faschistisch beschreibt, sagt damit auch etwas anderes: dass jeder Angriff auf diese Partei den Charakter antifaschistischen Widerstands trägt. Gegen Nazis ist alles erlaubt. Und Nazi ist der, von dem die "Demokratische Mitte" behauptet, er sei einer.
„Wehret den Anfängen" ist seit 1945 die normativ unangefochtene Maxime der deutschen Erinnerungskultur. Wer eine demokratisch gewählte Oppositionspartei mit den Tätern von 1933 in eine Reihe stellt, schafft die rhetorische Anschlussfähigkeit, in der Gewalt sich als moralische Pflicht begreift. Eckhard Jesse hat dafür den Begriff der Verkehrung der Legitimität geprägt: Recht und Moral fallen auseinander, sobald die Moral autorisiert, was das Recht verbietet. Auch wenn sie falsch liegt.
Der AfD-Wähler ist in der medialen und politischen Normalsprache der vergangenen Jahre zu einer Figur geworden, die man nicht mehr erklären, verstehen oder überzeugen muss. Man muss ihn markieren, man muss ihn isolieren, man muss ihn ausgrenzen. Man muss dafür sorgen, dass er gesellschaftlich, sozial, wirtschaftlich und finanziell spürt, was ihn seine Entscheidung kostet. Was es ihn und seine Familie kostet. Beamte, die der AfD nahestehen, sehen sich Disziplinarverfahren ausgesetzt. Lehrer berichten von kollegialer Ausgrenzung und Repressionen oder deren Androhung, auch von oben. Soldaten geraten unter Beobachtung des MAD. Personalabteilungen entscheiden, dass die „interne Kultur" eine politische Position nicht trägt. Wer öffentlich AfD wählt oder die Partei unterstützt, riskiert Freundschaften, Mandate, Karrieren, die Spaltung der Familie — mittlerweile auch die wirtschaftliche und soziale Existenz.
Bundesparteitage der AfD finden seit langem schon unter Polizeischutz und gegen massive Blockaden statt. Eine demokratische Partei kann sich in der Bundesrepublik nicht zu einem Parteitag versammeln, ohne dass die Sicherheitsbehörden Großeinsätze fahren. Hotels stornieren Buchungen, Gastronomen kündigen Reservierungen, Druckereien lehnen Aufträge ab.
Kommunale Versammlungsstätten unterliegen dem Gleichbehandlungsgebot des § 5 Parteiengesetz — die Praxis der Verweigerung ist damit nicht vereinbar, wird aber beibehalten, weil eine Klage öffentliche Mobilisierung gegen den Kläger nach sich zieht. Die Bundesrepublik kennt keinen Vergleichsfall, in dem eine zugelassene und legale Partei dauerhaft unter solchen Bedingungen operieren musste.
Die Asymmetrie wird sichtbar, sobald man das Gegenstück betrachtet. Die organisierte Antifa-Szene bleibt staatlich weitgehend unbehelligt. Mittel aus dem Bundesprogramm „Demokratie leben!" und vergleichbaren Förderlinien fließen seit Jahren in Strukturen, in denen sich personelle und ideologische Nähe zur militanten Antifa nachweisen lässt. Antifa-Gruppen, Klimainitiativen, queere Bündnisse, Bürgerformate vom Typus „Omas gegen Rechts" überlappen personell, organisatorisch, ideologisch — und werden in beachtlichem Umfang aus Steuermitteln finanziert. Wer die größte Oppositionspartei verbieten will und die Strukturen ihrer gewaltbereiten Gegner nicht einmal dem Vereinsverbotsverfahren unterzieht, hat den Rechtsstaat als neutralen Schiedsrichter aufgegeben.
Nach der Veröffentlichung der Correctiv-Recherche zum Potsdam-Treffen am 10. Januar 2024 zogen Hunderttausende durch die deutschen Städte. Die Forderung „AfD-Verbot jetzt" war eine moralische Aufforderung an den Staat, an jeglichem rechtsstaatlichen Verfahren vorbei zu vollstrecken, was Demonstranten und Aktivisten bereits beschlossen hatten. Sie wirkt nach — in der Sprachregelung der etablierten Politik und der Medien, und in den autonomen Strukturen, die ohne Verbotsverfahren das Verbot in eigene Hände nehmen.
Eskalation in drei Phasen
Phase eins beginnt in der Wahlnacht. Demonstrationen vor Parteizentralen, Wahlkampfbüros und privaten Wohnhäuser. Mobilisierungsstrukturen autonomer Gruppen aus Berlin, Leipzig, Hamburg, Göttingen und Dresden, koordiniert in Echtzeit. Bündnisse aus den links-rot-grünen Milieus organisieren Blockaden vor Wahlpartys, Landtagsgebäuden, bei Vereidigungen. Hotels werden als „faschistische Versammlungsorte" markiert. Die Schwelle, ab der ein Vermieter, Wirt oder Veranstalter unter Druck gerät, bedroht oder ruiniert werden soll, sinkt. In dieselbe Phase fällt eine Welle gezielter Angriffe auf Privatadressen, Fahrzeuge und Familien von AfD-Mandatsträgern.
Phase zwei beginnt nach der Wahlnacht und reicht über Wochen. Im wahrscheinlichsten Szenario wird die AfD stärkste Fraktion ohne Mehrheit. CDU, SPD, gegebenenfalls Grüne oder BSW verständigen sich auf eine Koalition gegen die stärkste Partei — eine Regierung, die rechnerisch von Parteien getragen wird, die zusammen weniger Stimmen bekommen haben als die AfD allein. Diese Konstellation gab es 2024 in Thüringen unter Mario Voigt. Sie wird sich 2026 wiederholen. Das Wahlergebnis wird auf institutioneller Ebene neutralisiert. AfD-Wähler erleben, dass Wahlen folgenlos bleiben. Die linksextreme Szene erlebt die Bestätigung, dass Demokratie als Schutz vor falschen Mehrheiten politische Realität geworden ist. Die radikalere Variante — dass Wahlen, die "das Falsche" hervorbringen, auch außerinstitutionell zu korrigieren sind — steht im Lehrbuch jedes autonomen Milieus. Sie hat 2020 sogar Angela Merkel öffentlich vertreten, als sie zur Wahl Thomas Kemmerichs die Forderung erhob, das Ergebnis müsse „rückgängig gemacht werden". Sie wird sich im Herbst 2026 auf der Straße artikulieren: als Belagerung von Parteizentralen, als „Hausbesuche" bei Abgeordneten, als Vermieterkampagnen. Der Druck verschiebt sich von der politischen Auseinandersetzung in das Privatleben der Akteure.
Phase drei ist die spekulativste — und die, über die man trotzdem sprechen muss. Sie ist die Schwelle, an der symbolische Gewalt in politischen Terror übergeht: gezielte, geplante, organisierte Anschläge gegen Personen und Infrastruktur. Die heutige autonome Szene ist keine RAF im klassischen Sinne. Aber das Strukturprinzip aus militantem Kern, operativem Umfeld und Resonanzzone existiert nachweisbar. Die Lina-E.-Gruppe operierte zwischen 2018 und 2020 in Eisenach, Leipzig und Wurzen mit Hämmern, Schlagstöcken und Pfefferspray. In Budapest griff dasselbe Milieu 2023 Personen an, die einem rechtsextremen Gedenkmarsch zugerechnet wurden. Die Schwelle ist gesunken. Bisher fehlte der ideologische Auslöser, der den Übergang von der gezielten Körperverletzung zur Tötung legitimiert. Im Herbst 2026 entstehen die Bedingungen, unter denen dieser Auslöser zumindest gedanklich gegeben sein kann. Anschläge mit Tötungsabsicht wären ein Tabubruch, der seit dem Mord an Detlev Karsten Rohwedder am 1. April 1991 aus dem linksextremen Spektrum heraus nicht mehr stattgefunden hat. Auszuschließen ist er nicht.
Was die Täter sagen werden
Die Selbstrechtfertigung wird sich aus dem Material speisen, das die etablierten Parteien seit Jahren liefern. Wir verteidigen die Demokratie. Wir vollstrecken, was die Mehrheit ohnehin will. Wir tun, was die Politik nur ankündigt.
Diese Logik ist falsch und fatal — die AfD ist eine zugelassene Partei, kein verbotener Verein. Aus Sicht der Täter ist sie aber stimmig, weil die Sprache der „Mitte" diese Sichtweise über Jahre suggeriert hat. Wer Begriffe wie „Faschist" und „Nazi" in Parlamenten und öffentlich-rechtlichen Sendern gebraucht, ohne sie zurückzunehmen, wird sich nicht wundern dürfen, dass sie von Personen und Gruppen zitiert werden, die die Dinge nun selbst in die Hand nehmen.
Was die Altparteien sagen werden
Sobald die ersten schweren Anschläge stattgefunden haben, werden die Altparteien auf ein Phrasenrepertoire zurückgreifen, das sich Wort für Wort vorhersagen lässt. Pflichtverurteilung: „Gewalt ist niemals ein legitimes Mittel der politischen Auseinandersetzung." Es wird nicht gefragt werden, woher die Bereitschaft zur Tat kommt, welche Sprache sie ermöglicht, welche behördlichen Entscheidungen sie legitimiert haben. Einige Tage später folgt die Kontextualisierung: „Aber wir dürfen nicht vergessen, dass auch die AfD selbst zur Polarisierung beigetragen hat." „Wer Hass sät, erntet Sturm." Diese Sätze nehmen den Tätern keine Verantwortung ab. Sie verteilen sie neu. Die Verletzten und Getöteten werden bedauert, aber rhetorisch in eine Mitschuld einbezogen, die ihre Verletzbarkeit relativiert. Einige Wochen später die Verlagerung: Aus „Tat eines linksextremen Einzeltäters" wird „Symptom einer polarisierten Gesellschaft". Aus „Mitschuld der Etikettierer" wird „Hauptschuld der Etikettierten".
In keiner dieser Phasen wird ausgesprochen werden, dass die jahrelange Beschreibung der AfD als Faschistenpartei die rhetorische Voraussetzung für die Tat geschaffen hat. Wer das auszusprechen wagt, wird im Verdacht stehen, die Tat zu rechtfertigen.
Die Verantwortung
Eine Eskalation hat keinen einzelnen Urheber. Vier Verantwortungsschichten wirken kumulativ: die unmittelbaren Täter, juristisch eindeutig, strukturell aber nicht entscheidend; die NGOs, Vereine und Trägerorganisationen, die unter dem Dach der Demokratieförderung Mittel erhalten und in denen sich personelle Kontinuitäten zwischen aktivistischer und gewaltbereiter Szene nachweisen lassen; die Spitzenpolitiker der CDU, SPD, Grünen, FDP und Linken, die an der semantischen Grenzverschiebung mitgewirkt haben — dazu Innenminister, die ihre Verfassungsschutzbehörden gegen die größte Oppositionspartei in Stellung bringen, und Mainstreammedien, die behördliche Etiketten als wissenschaftlichen Befund präsentieren; und schließlich das Beharren auf einem Ausschlussprinzip, das schon bei den heutigen Werten der AfD strukturell nicht durchhaltbar ist, ohne die Legitimität des Wahlergebnisses zu beschädigen. Heinz Buschkowsky hat den Kern formuliert: „Eine Demokratie, die bei Extremismus mit zweierlei Maß misst, gibt ihren inneren Kompass auf."
Das Muster ist nicht neu. Der Heiße Herbst 1977 und die Hamburger G20-Auseinandersetzungen 2017 zeigten dieselbe Logik: einer Eskalation linker Gewalt ging eine längere Phase rhetorischer Vorbereitung voraus, in der ein Gegner als so umfassend illegitim beschrieben wurde, dass die Anwendung von Gewalt als logisch erschien. Beide Male verschob ein sichtbarer Tabubruch den Diskurs nur kurzfristig. Die Strukturen blieben.
Fast dreißig Prozent der Wählerinnen und Wähler in diesem Land haben sich für eine Partei entschieden, die von der politischen und medialen Mehrheit als demokratiefeindlich eingestuft wird. Das Paradoxon, das niemand laut ausspricht: Der Umgang mit diesen Wählern ist selbst das demokratiefeindlichste Phänomen der gegenwärtigen deutschen Politik. Man kann nicht gleichzeitig Demokratie predigen und einem Drittel des Volkes erklären, dass seine Stimme keine legitime Stimme ist und man seine Vorstellungen von Staat und Gesellschaft nicht berücksichtigen wird.
Was bleibt
Die Wahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern bestimmen mehr als zwei Landesregierungen. Sie sind die Belastungsprobe einer Doktrin, die seit zwölf Jahren auf der Annahme aufbaut, eine bestimmte politische Strömung lasse sich durch Ausgrenzung, Stigmatisierung und behördliche Etikettierung dauerhaft kleinhalten. Diese Annahme ist empirisch widerlegt. Sie wird im September 2026 ein weiteres Mal widerlegt werden. Die Frage ist nur, wie hoch der Preis ausfällt.
Wenn dieser Schritt ausbleibt — und alles spricht dafür —, werden die Altparteien im Herbst 2026 vor den Kameras das Richtige sagen. Sie werden Gewalt verurteilen, Solidarität bekunden, mahnen. Und sie werden in derselben Sprache fortfahren, die die Gewalt erst möglich gemacht hat.
Sie haben den Boden bereitet. Und die Täter werden es Widerstand nennen.



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