Was war am Nationalsozialismus sozialistisch?

Berlin, September 2026. Die Linke ist mit 25,7 Prozent der Zweitstimmen stärkste Partei der Hauptstadt geworden, und sie will große private Wohnungsunternehmen enteignen. Sie selbst spricht lieber von „Vergesellschaftung“, einem Wort, das nicht jeder sofort versteht und das verschleiert, worum es geht: Private Eigentümer sollen ihr Eigentum abgeben, große Wohnungsbestände sollen in Gemeineigentum überführt werden. Aufschlussreicher als das Wort ist die Begründung. Die Berliner Linke beschreibt ihr Vorhaben als „bewussten Bruch mit Markt und privater Verwertungslogik“. Wer so formuliert, will nicht einzelne Regeln des Wohnungsmarkts korrigieren, sondern eine Ordnung verlassen. Damit liegt der Sozialismus nicht mehr bequem im Geschichtsbuch, und mit ihm kehrt eine Frage zurück, die selten sauber gestellt wird: Was verstehen wir eigentlich unter Sozialismus? Beginnt er erst dort, wo nahezu sämtliche Produktionsmittel verstaatlicht werden? Gehören Enteignung, Gemeineigentum und die Zurückdrängung privater Verfügungsrechte bereits dazu? Wie viel Privatwirtschaft kann ein politisches System zulassen und trotzdem sozialistisch geprägt sein?
Der Historiker und Hitler-Biograf Joachim Fest hat diese Frage 2003 in der taz an die heikelste Stelle der deutschen Geschichte getragen: War Adolf Hitler ein Linker? Ihm ging es um mehr als einen Platz in der politischen Sitzordnung. Er fragte nach den Gemeinsamkeiten von Nationalsozialismus und Sozialismus, nach ihrem Verhältnis zu Kapitalismus und bürgerlicher Gesellschaft, nach Kollektiv und Individuum und schließlich nach dem Traum vom „Neuen Menschen“. Für viele ist die Sache längst entschieden: Der Nationalsozialismus war rechts, also kann an ihm nichts sozialistisch gewesen sein. Andere machen es sich ebenso leicht und verweisen darauf, dass die Partei schließlich Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei hieß. Beides wird der Wirklichkeit nicht gerecht. Die ergiebigere Frage lautet nicht, ob Hitler links oder rechts war, sondern was am Nationalsozialismus tatsächlich sozialistisch war.

Was heißt überhaupt Sozialismus?
Die Antwort hängt davon ab, welchen Maßstab man anlegt. Setzt man Sozialismus mit Marxismus gleich, war der Nationalsozialismus offensichtlich nicht sozialistisch. Er lehnte den marxistischen Internationalismus ab, bekämpfte den Klassenkampf und schaffte das Privateigentum an Produktionsmitteln nicht grundsätzlich ab. Nicht die Klasse sollte die entscheidende Gemeinschaft bilden, sondern das Volk; an die Stelle internationaler Solidarität der Arbeiter trat nationale Solidarität innerhalb einer Volksgemeinschaft. Fasst man den Begriff weiter, als Anspruch, private Verfügung über Eigentum und Markt einem politisch bestimmten Gemeinwohl unterzuordnen, stellt sich die Frage anders. Dann lässt sie sich nicht mehr mit dem Hinweis auf Marx allein erledigen.
Ebenso klar ist der fundamentale Unterschied. Die nationalsozialistische Volksgemeinschaft war rassisch definiert. Wer nach dieser Ideologie nicht zu ihr gehörte, konnte allein aufgrund seiner Abstammung ausgeschlossen werden. Antisemitismus und Rassenideologie waren keine Randerscheinungen des Nationalsozialismus, sie gehörten zu seinem Kern, und aus Ausgrenzung wurden Entrechtung, Verfolgung und schließlich millionenfacher Mord. Der Marxismus definierte seinen zentralen gesellschaftlichen Konflikt dagegen über Klassen und Eigentumsverhältnisse. Auch kommunistische Systeme schufen allerdings Feindgruppen, verfolgten sogenannte Klassenfeinde, enteigneten, deportierten, sperrten Menschen in Lager und töteten in gewaltigem Umfang. Für beide Ideologien muss deshalb derselbe Maßstab gelten. Man kann nicht beim Sozialismus ausschließlich das theoretische Ideal betrachten und beim Nationalsozialismus ausschließlich die verbrecherische Praxis. Zur Wirklichkeit kommunistischer Systeme gehören politische Verfolgung, Zwangsarbeit, Lager und massenhaftes Sterben ebenso, wie Rassenverfolgung, Krieg und Holocaust zur Wirklichkeit des Nationalsozialismus gehören, und die Feststellung des einen relativiert das andere nicht.
Hitler im revolutionären München
Hitlers eigener politischer Weg unmittelbar vor seinem Eintritt in die Deutsche Arbeiterpartei verlief weniger geradlinig, als seine spätere Selbstdarstellung vermuten lässt. Im München des Jahres 1919 zeigte er sich zunächst keineswegs als jener kompromisslose Antikommunist, als den er sich später inszenierte. Um das einordnen zu können, muss man wissen, was die Räterepublik war. Nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs waren in Deutschland Arbeiter- und Soldatenräte entstanden, die Arbeitern und Soldaten unmittelbaren politischen Einfluss verschaffen sollten. Sie waren anfangs keineswegs ausschließlich kommunistisch geprägt; in ihnen wirkten Sozialdemokraten, USPD-Mitglieder, revolutionäre Sozialisten und Kommunisten. Das Rätemodell warf zugleich eine grundsätzliche Frage auf: Sollte die Macht von einem frei gewählten Parlament ausgehen oder unmittelbar von organisierten Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräten? Das Vorbild der radikaleren Vertreter waren die russischen Sowjets, und „Sowjet“ bedeutet nichts anderes als „Rat“. Auf ihrer Grundlage hatten die Bolschewiki in Russland ihre Herrschaft errichtet.
In München radikalisierte sich diese Entwicklung. Am 7. April 1919 wurde die Räterepublik ausgerufen, die das parlamentarische Regierungssystem durch eine auf Räten beruhende Ordnung ersetzen sollte. Schon diese erste Phase, getragen unter anderem von Linkssozialisten und revolutionären Intellektuellen, war sozialistisch-revolutionär geprägt. Es ging nicht um einen Regierungswechsel, sondern um den Anspruch, die politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Ordnung grundlegend umzugestalten, und die Sozialisierung, also die Überführung wirtschaftlicher Verfügungsgewalt aus privaten Händen in gesellschaftliche Kontrolle, gehörte zu den zentralen Vorstellungen. Am 13. April übernahmen die Kommunisten die Führung. Von da an war die Räterepublik keine allgemein linke Protestbewegung mehr und keine provisorische Regierung in den Wirren der Nachkriegszeit, sondern der Versuch, eine revolutionär-kommunistische Ordnung nach bolschewistischem Vorbild zu errichten.
Vor diesem Hintergrund gewinnt Hitlers damalige Funktion an Gewicht. Bereits Anfang April 1919 ist er als „Vertrauensmann“ seiner Kompanie dokumentiert, also als Vertreter der Soldaten seiner Einheit. Nach der kommunistischen Machtübernahme stand die Frage im Raum, ob die Soldatenräte die neue Ordnung mittragen würden. Am 14. April sprachen sich die Soldatenvertreter der Münchner Garnison für die kommunistische Räterepublik aus, anschließend wurden die Vertrauensleute in den Kasernen neu gewählt, und am 15. April wählten die Soldaten der 2. Kompanie Hitler erneut. Danach gehörte er dem Rat des Ersatzbataillons an. Das macht ihn nicht zum Kommunisten. Seine Wahl beweist weder, dass er die Räterepublik persönlich unterstützte, noch dass er sich zur Diktatur des Proletariats oder zur Vergesellschaftung der Produktionsmittel bekannte, und ein solches Bekenntnis ist aus dieser Zeit nicht überliefert. Ob politische Sympathie, Orientierungslosigkeit, Anpassung, Opportunismus oder schlicht der Wunsch dahinterstand, seine Stellung in der Armee zu halten, bleibt mangels eindeutiger zeitgenössischer Aussagen offen. Politisch bedeutungslos ist der Vorgang trotzdem nicht: Während andere sich den antikommunistischen Kräften anschlossen, blieb der spätere radikale Antimarxist innerhalb des revolutionären Soldatenrätesystems und trat in dieser Phase nicht als dessen Gegner hervor.
Erst nach der Niederschlagung der Räterepublik wird der spätere politische Hitler in den Quellen deutlicher. Im Mai belastete er einen ehemaligen revolutionären Soldatenvertreter, im Sommer wurde er in die antibolschewistische politische Arbeit der Reichswehr eingebunden, und spätestens im September 1919 ist sein rassistischer Antisemitismus in eigenen Äußerungen eindeutig belegt. Kurz darauf fand er zu jener Partei, die sich bald Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei nennen sollte.
Sozialismus in der frühen NSDAP
Die frühe NSDAP führte das Wort Sozialismus nicht bloß im Namen. Ihr 25-Punkte-Programm von 1920 enthielt Forderungen, die mit einer liberalen kapitalistischen Wirtschaftsordnung wenig zu tun hatten: Verstaatlichung von Trusts, Gewinnbeteiligung an Großbetrieben, Ausbau der Altersversorgung und Enteignungsmöglichkeiten für gemeinnützige Zwecke. Wer die Berliner Debatte im Ohr hat, liest den letzten Punkt mit anderen Augen. Das United States Holocaust Memorial Museum beschreibt die wirtschaftspolitischen Punkte 10 bis 18 ausdrücklich als antikapitalistische Forderungen und weist darauf hin, dass einige davon damaligen Forderungen sozialistischer und kommunistischer Bewegungen ähnelten. Die Bundeszentrale für politische Bildung charakterisiert das frühe Programm als Mischung aus rassistisch-nationalistischem Gedankengut und „antikapitalistischen Tönen“; Bodenreform und die Verstaatlichung von Großunternehmen gehörten dazu. Eine marxistische Partei war die NSDAP damit nicht. Ihre antikapitalistische Programmatik lässt sich aber ebenso wenig als bedeutungslose Dekoration des Parteinamens abtun.
Noch deutlicher wird das in den innerparteilichen Auseinandersetzungen. Um Gregor Strasser entstand innerhalb der NSDAP eine Strömung, die die Bundeszentrale für politische Bildung ausdrücklich als „Parteilinke“ bezeichnet und der sie eine „betont sozialistische Linie“ zuschreibt. Joseph Goebbels gehörte zeitweise zu diesem Umfeld. Strasser selbst, zeitweise Reichsorganisationsleiter der Partei, wurde später im Zuge des sogenannten Röhm-Putsches ermordet. Sein Bruder Otto Strasser, ein ehemaliges SPD-Mitglied, ging noch weiter und vertrat einen ausgeprägt antikapitalistischen Nationalsozialismus. Es gab in der frühen NSDAP also Kräfte, für die Sozialismus mehr bedeutete als eine werbewirksame Silbe.
Volksgemeinschaft statt Klassenkampf
Hitler setzte sich in den innerparteilichen Auseinandersetzungen gegen wesentliche Teile dieser Strömung durch. Die spätere nationalsozialistische Wirtschaftsordnung stand grundsätzlich auf dem Boden des Privateigentums und arbeitete mit privaten Unternehmen zusammen, unterwarf den freien Markt aber zugleich weitreichender staatlicher Lenkung und politischen Zielen. Der Nationalsozialismus bekämpfte Marxismus und Kommunismus erbittert und enthielt gleichzeitig Elemente, die sich mit sozialistischen Vorstellungen überschnitten. Wer darauf nur mit „rechts“ oder „links“ antwortet, beendet die Untersuchung dort, wo sie erst beginnt.
Der Klassenkampf sollte nicht gewonnen, sondern überwunden werden. Arbeiter und Unternehmer sollten sich nicht als natürliche Gegner verstehen, sondern als Angehörige derselben Volksgemeinschaft. Diese Vorstellung ist für sich genommen weder verbrecherisch noch undemokratisch. Ohne Arbeitnehmer funktioniert kein Unternehmen, und ohne erfolgreiche, wettbewerbsfähige Unternehmen gibt es keine dauerhaft sicheren Arbeitsplätze und keine Löhne, die erwirtschaftet werden können. Dass beide Seiten neben unterschiedlichen auch gemeinsame Interessen haben, ist zunächst eine wirtschaftliche Selbstverständlichkeit. Entscheidend ist die Ordnung, in der dieser Gedanke verwirklicht wird. Im Nationalsozialismus entstand daraus keine freiwillige Zusammenarbeit freier Arbeitnehmer und Unternehmer. Die freien Gewerkschaften wurden 1933 zerschlagen, ihre Organisationen und Vermögen beschlagnahmt, an ihre Stelle trat die Deutsche Arbeitsfront. Interessengegensätze sollten nicht mehr ausgehandelt, sondern der staatlich definierten Volksgemeinschaft untergeordnet werden. Eine politische Vorstellung lässt sich deshalb nicht allein nach ihrem Ziel beurteilen, sondern nur zusammen mit den Mitteln, mit denen sie durchgesetzt wird, und mit der Freiheit, die dem Einzelnen dabei bleibt.
Todfeinde – und trotzdem nicht ohne Gemeinsamkeiten
Heute werden Nationalsozialismus und Kommunismus oft behandelt, als hätten sie historisch überhaupt nichts miteinander zu tun, überspitzt gesagt, als stammten die einen von der Erde und die anderen vom Mars. Für diese Wahrnehmung gibt es einen gewichtigen Grund. Nationalsozialisten und Kommunisten waren erbitterte Gegner, nach der Machtübernahme wurden Kommunisten verfolgt, in Konzentrationslager gesperrt und ermordet, und der Antikommunismus gehörte zum Kern der nationalsozialistischen Weltanschauung. Erbitterte Feindschaft bedeutet aber nicht völlige Wesensfremdheit. Beide Bewegungen wandten sich gegen wesentliche Elemente der liberalen bürgerlichen Ordnung und entwickelten einen weitreichenden Anspruch auf die politische und gesellschaftliche Formung des Menschen. In den Diktaturen, die sie errichteten, wurden individuelle Freiheitsrechte dem jeweils definierten Kollektiv untergeordnet, politische Gegner zu Feinden der angestrebten Ordnung erklärt, Propaganda, Repression und umfassende gesellschaftliche Kontrolle zu Herrschaftsinstrumenten gemacht. Worin sie sich fundamental unterschieden, war die Bestimmung dieses Kollektivs.
Von gemeinsamen ideengeschichtlichen Wurzeln kann dennoch nicht pauschal gesprochen werden, denn Marxismus und Nationalsozialismus stammen nicht aus derselben Denktradition. Irreführend wäre aber auch das Bild zweier voneinander abgeschotteter Welten. Beide entstanden in den Umbrüchen der europäischen Moderne, in einem historischen Raum aus Industrialisierung, sozialen Konflikten, Massengesellschaft, Nationalismus, Erstem Weltkrieg und der Krise der bestehenden Ordnung, in dem radikale Bewegungen einander beobachteten und vor allem bekämpften. Der Nationalsozialismus reagierte dabei ausdrücklich auf den Marxismus. Er übernahm weder den Klassenkampf noch den Internationalismus, sondern setzte ihnen Volksgemeinschaft und Nation entgegen. Sein „Sozialismus“ war kein Marxismus unter anderem Namen. Die bewusste Verwendung des Begriffs, die antikapitalistischen Forderungen der frühen Bewegung und die Existenz einer ausdrücklich sozialistisch auftretenden Parteilinken zeigen aber, dass die Berührungspunkte nicht erfunden sind.
Die heutige Debatte behandelt die Tatsache, dass Nationalsozialisten Kommunisten verfolgten und ermordeten, mitunter so, als schlösse sie jede Untersuchung möglicher Gemeinsamkeiten bereits aus. Aus Feindschaft folgt logisch aber keine Gegensätzlichkeit in jeder einzelnen Frage. Politische Bewegungen können dieselben Institutionen ablehnen, ähnliche gesellschaftliche Probleme diagnostizieren oder vergleichbare Herrschaftsmethoden entwickeln und sich zugleich bis aufs Blut darüber bekämpfen, welche Ordnung an deren Stelle treten soll. Wer Gemeinsamkeiten feststellt, setzt nicht gleich. Niemand muss die Unterschiede zwischen Rassenideologie und Klassenideologie, zwischen Volksgemeinschaft und kommunistischer Gesellschaft bestreiten, um nach strukturellen Ähnlichkeiten zu fragen, denn erst der Vergleich macht sichtbar, was ähnlich war und was nicht.
Der Traum vom „Neuen Menschen“
Fests eigentlich weitreichender Gedanke führt über die Links-rechts-Debatte hinaus. Nationalsozialisten und Kommunisten wollten nicht andere Steuersätze, andere Sozialleistungen oder ein paar neue Gesetze. Sie wollten die Gesellschaft grundlegend verändern, und mit der neuen Gesellschaft sollte ein anderer Mensch entstehen. Die Vorstellungen davon waren grundverschieden. Der kommunistische Mensch sollte sich aus den überkommenen Klassen- und Eigentumsverhältnissen lösen, der nationalsozialistische sich als Teil der Volksgemeinschaft begreifen und deren Interessen über seine eigenen stellen. Diese Unterschiede dürfen nicht verwischt werden. Der gemeinsame Anspruch aber bleibt: Politik sollte nicht nur Regeln für das Zusammenleben setzen, sondern den Menschen selbst verändern, sein Denken, seine Identität, sein Verhältnis zu Eigentum, Gemeinschaft und Gesellschaft.
Was bleibt von Fests Provokation?
Die Behauptung, Hitler sei schlicht ein Linker und die NSDAP eine gewöhnliche sozialistische Partei gewesen, wird der Geschichte nicht gerecht. Der Nationalsozialismus war rassistisch, antisemitisch, ultranationalistisch und antimarxistisch, und die historische Forschung ordnet ihn deshalb der extremen Rechten zu. Zu kurz greift aber auch die Gegenbehauptung, an einer rechten Bewegung könne definitionsgemäß nichts sozialistisch gewesen sein. Die antikapitalistischen Programmpunkte, die Parteilinke um Strasser und der Anspruch, den Klassenkampf zu überwinden und wirtschaftliche Einzelinteressen einem definierten Gemeinnutz unterzuordnen, gehören ebenso zum historischen Befund. Nationalsozialismus und Marxismus werden dadurch nicht zu derselben Ideologie, aber die einfache politische Sitzordnung reicht für die Analyse nicht aus. Ergiebiger als die Frage nach links oder rechts sind andere: Was war am Nationalsozialismus tatsächlich sozialistisch? Was unterschied ihn fundamental vom marxistischen Sozialismus? Und warum konnten zwei Bewegungen, die einander erbittert bekämpften, trotzdem strukturelle Gemeinsamkeiten besitzen?
Zurück nach Berlin
Wir leben heute in einer parlamentarischen Demokratie. Freie Wahlen, Grundrechte, Rechtsstaatlichkeit und politischer Wettbewerb unterscheiden unsere Gesellschaft fundamental von den totalitären Systemen des vergangenen Jahrhunderts, und wer heutige Parteien mit der NSDAP oder mit kommunistischen Diktaturen gleichsetzt, ersetzt Analyse durch Polemik und liegt schlichtweg komplett daneben. Daraus folgt aber nicht, dass jede Frage nach ideengeschichtlichen Kontinuitäten verboten wäre. Die Berliner Linke will große private Wohnungsbestände in Gemeineigentum überführen. Man kann das verschleiernd „Vergesellschaftung“ nennen, im allgemeinen deutschen Sprachgebrauch nennt man das Enteignung. Enteignungen allein machen noch kein politisches System zum Sozialismus, und die Fragen, die sie aufwerfen, sind weder nationalsozialistisch noch automatisch kommunistisch. Sie berühren aber eine der ältesten Streitfragen sozialistischer Politik: wo die Verfügung des Einzelnen über sein Eigentum endet, wann eine politische Mehrheit privates Eigentum einem gesellschaftlichen Zweck opfern darf und wie weit der Staat wirtschaftliche Freiheit im Namen des Gemeinwohls zurückdrängen kann.
Wer einen „bewussten Bruch mit Markt und privater Verwertungslogik“ ankündigt, bewegt sich nicht mehr auf der Ebene einzelner Gesetze. Er formuliert eine Vorstellung davon, wie Gesellschaft grundsätzlich anders funktionieren soll. Dieses Vorhaben steht nicht allein. In Teilen des links-grünen Milieus werden traditionelle Vorstellungen von Nation und nationaler Identität infrage gestellt, Grenzen anders bewertet, überkommene Bilder von Familie und Geschlecht kritisiert und Eigentumsordnungen zur politischen Disposition gestellt. Das geschieht unter völlig anderen Bedingungen und mit anderen Zielen als in den totalitären Bewegungen des 20. Jahrhunderts. Die Frage, die Fest an deren Geschichte gerichtet hat, lässt sich trotzdem auch an die Gegenwart richten: Wann will Politik die Regeln unseres Zusammenlebens in totalitärer Weise verändern, und wann entwickelt sie eine totalitäre Vorstellung davon, wie der Mensch künftig denken, leben und sich selbst verstehen soll? Ein Vergleich behauptet keine Identität; er zeigt, worin sich zwei Dinge unterscheiden und worin nicht. Fest hat einen Teil dieser Fragen vor mehr als zwanzig Jahren gestellt. Berlin stellt sie neu, und offen bleibt, ob der Traum vom "Neuen Menschen" verschwunden ist oder nur seine Inhalte gewechselt hat.



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