Wollen Sie mein Herz, Herr Merz?
- Moritz Jacoby

- 30. Mai
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 3. Juni
Eine unbequeme Frage an den Bundeskanzler
Stellen wir uns einen Moment vor, Herr Bundeskanzler: Ihr Herz macht nicht mehr mit. Die Ärzte sagen, ohne Transplantation wird es eng. Sie stehen auf der Warteliste. Irgendwo in Deutschland stirbt ein Mensch, dessen Organ passt. Ein Familienvater vielleicht. Ein Handwerker. Ein Arzt. Ein mittelständischer Unternehmer aus Sachsen. Vielleicht jemand, der jahrzehntelang gearbeitet, Steuern gezahlt und seine Kinder großgezogen hat. Vielleicht jemand, der Mitglied der AfD war. Vielleicht sogar ein Abgeordneter dieser Partei. Wollen Sie dieses Herz, Herr Merz?
Natürlich wollen Sie es. Jeder Mensch würde es wollen. Denn in dieser Situation, Herr Bundeskanzler, wäre für Sie auch ein AfD-Wähler, ein AfD-Unterstützer oder sogar ein AfD-Politiker in allererster Linie ein Mensch. Niemand auf einer Intensivstation fragt nach der Quelle dieses Herzens. Niemand fragt danach, wer der Spender war, was er gewählt hat oder was für ein Mensch er gewesen ist, um zu entscheiden, ob man dieses Herz annehmen will. In einem solchen Moment gibt es nur noch andere Gedanken: Nimmt mein Körper das Herz an? Überlebe ich? Und eine weitere Frage bleibt: Wie dankt man einem Menschen, der einem mit seinem Tod das eigene Leben gerettet hat? Wahrscheinlich gar nicht genug.

Es würde funktionieren, wie es in einer zivilisierten Gesellschaft seit Jahrzehnten funktioniert: Ein Mensch spendet. Ein anderer Mensch lebt weiter. Genau diese Selbstverständlichkeit scheint im politischen Betrieb zunehmend verloren zu gehen.
Wer sind eigentlich „die AfDler“?
Wer die öffentliche Debatte der vergangenen Jahre verfolgt hat, bekommt den Eindruck, AfD-Wähler und AfD-Mitglieder seien keine normalen Mitbürger mehr, sondern eine Art demokratischer Störfall. Menschen außerhalb dessen, was man noch als akzeptabel betrachtet. Marco Wanderwitz erklärte Millionen Bürger kurzerhand für „dauerhaft für die Demokratie verloren“. Das war kein Nebensatz aus einer hitzigen Fernsehrunde, sondern die Aussage eines Regierungsmitglieds über einen erheblichen Teil der eigenen Bevölkerung.
Friedrich Merz sprach von „Vaterlandsverrat“. Später verteidigte er die Zustimmung der AfD zu einem Antrag der Union mit dem Satz: „Eine richtige Entscheidung wird nicht dadurch falsch, dass die Falschen zustimmen.“ Gemeint sind damit nicht einfach politische Gegner oder eine parlamentarische Opposition, sondern Millionen Bürger.
Solche Begriffe bleiben nicht im Bundestag hängen. Sie sickern nach unten, in Familien, Freundeskreise, Schulen und Unternehmen. Irgendwann wird aus einer politischen Meinungsverschiedenheit eine moralische Kategorie. Dann geht es nicht mehr nur um unterschiedliche Positionen zu Migration, Europa oder Energiepolitik. Dann steht der Mensch selbst unter Verdacht.
Die Ablehnung gegenüber der AfD ist inzwischen vielerorts so groß geworden, dass AfD-Wähler und Vertreter längst nicht mehr wie normale politische Gegner behandelt werden. Sie gelten als Menschen, mit denen man möglichst nichts mehr zu tun haben möchte: Menschen zweiter oder dritter Klasse, deren Ansichten nicht nur als falsch gelten, sondern deren bloße Existenz im demokratischen Raum bereits als Zumutung empfunden wird.
Dabei reden wir nicht über eine kleine radikale Randgruppe. Die AfD wurde 2025 zweitstärkste Kraft bei der Bundestagswahl. Rund 15 Millionen Menschen würden diese Partei inzwischen wählen. Menschen, denen man jeden Tag begegnet, ohne es zu wissen. Da ist der Bäckermeister, der morgens um vier in der Backstube steht und Brötchen für die Nachbarschaft backt. Da ist die Krankenschwester im Nachtdienst, die Patienten versorgt, ohne vorher nach ihrer Parteizugehörigkeit zu fragen. Da ist der Allgemeinmediziner auf dem Land, der die einzige Praxis im Umkreis betreibt. Da ist der Familienvater, der Steuern zahlt, Vereinsarbeit macht und im Elternbeirat sitzt. Da ist der Polizist, der Demonstrationen absichert, auf denen er möglicherweise selbst beschimpft wird. Da ist der Soldat. Der Lehrer. Der Bauingenieur. Die Friseurin. Der Gastwirt, der Ihnen das Abendessen serviert.
Das sind keine abstrakten Figuren aus politischen Debatten. Das sind Menschen, auf deren Arbeit dieses Land jeden einzelnen Tag angewiesen ist.
Was Friedrich Merz gesagt hat
Es lohnt sich, die Sprache dieser Debatte nüchtern zu betrachten. Friedrich Merz sprach im Januar 2024 im Bundestag von „Vaterlandsverrat“, als es um die AfD ging. Ein Begriff, der politische Gegner nicht einfach kritisiert, sondern moralisch außerhalb des legitimen demokratischen Spektrums verortet.
Im Januar 2025 sagte Merz nach dem Anschlag von Aschaffenburg: „Mir ist es völlig gleichgültig, wer diesen Weg politisch mitgeht.“ Wenige Tage später verteidigte er die Zustimmung der AfD zu einem Antrag der Union mit dem Satz: „Eine richtige Entscheidung wird nicht dadurch falsch, dass die Falschen zustimmen.“
Auf strategischer Ebene mag das ein rhetorisch kalkulierter Satz gewesen sein. Im Alltag landet diese Sprache jedoch bei echten Menschen: beim Handwerker, beim Arzt, beim Landwirt, beim Soldaten oder beim Nachbarn.
Carsten Linnemann bezeichnete Björn Höcke öffentlich als „Nazi“. So einfach funktioniert politische Etikettierung inzwischen. Und sobald diese Tür einmal geöffnet ist, bleibt die Zuschreibung nicht bei einzelnen Politikern stehen. Sie wandert weiter: zum Funktionär, zum Mitglied, zum Wähler und schließlich zum normalen Mitbürger.
Daniel Günther erklärte die AfD 2026 bei Maischberger zur „deutlich größeren Gefahr“. Natürlich darf man Parteien kritisieren. Natürlich darf man politische Gegner hart angreifen. Demokratie besteht nicht aus Harmonie. Aber zwischen harter politischer Auseinandersetzung und gesellschaftlicher Ausgrenzung liegt ein Unterschied. Denn politische Sprache verändert irgendwann den Blick auf Menschen selbst.
Die Doppelmoral der Brandmauer
Hier beginnt der eigentliche Widerspruch dieser Debatte. Die sogenannte Brandmauer soll jede Form der Zusammenarbeit mit der AfD ausschließen. Der CDU-Präsidiumsbeschluss vom 7. Februar 2020 unter Annegret Kramp-Karrenbauer formulierte die Linie eindeutig. Armin Laschet sprach damals von „keinerlei Kooperation, Zusammenarbeit, Duldung, auch nichts Zufälliges“.
Politisch lässt sich das formulieren. Gesellschaftlich funktioniert es nicht.
Im wirklichen Leben arbeiten Menschen permanent mit anderen zusammen, deren politische Ansichten sie vielleicht ablehnen würden. Niemand fragt den Chirurgen vor einer Operation nach seiner Wahlentscheidung. Niemand kontrolliert die Parteimitgliedschaft eines Blutspenders. Niemand prüft im Restaurant das Wahlverhalten des Kochs. Wir steigen in Busse, setzen uns in Wartezimmer, unterschreiben Verträge und vertrauen Ärzten, Handwerkern oder Kollegen, ohne ihre politische Haltung zu kennen. Genau so funktioniert jede stabile Gesellschaft. Die politische Differenz dringt normalerweise nicht in jede Lebensregung ein. Der Mensch ist mehr als sein Wahlzettel.
Genau diese Grundlage wird beschädigt, wenn Millionen Bürger moralisch zu „den Falschen“ erklärt werden. Denn entweder gilt diese Ausgrenzung tatsächlich konsequent oder sie gilt eben nicht. Wenn Menschen politisch außerhalb der akzeptierten Gemeinschaft stehen sollen, dürfte man folgerichtig weder ihre Arbeit noch ihre Steuern, noch ihre Wirtschaftsleistung, ihre Dienstleistungen, ihr Blut, ihr Knochenmark oder im Zweifel ihre Organe selbstverständlich annehmen.
Aber genau dort zerfällt diese Rhetorik. Die Brandmauer endet zuverlässig dort, wo es wirklich ernst wird.
Stellen wir die Frage deshalb konkret: Würden Sie, Herr Merz, mitten in einem Herzinfarkt dem Notarzt sagen, er möge bitte vorher prüfen, ob das Spenderblut von einem AfD-Wähler stammt? Würden Sie dem Transplantationszentrum mitteilen, dass Herzen von AfD-Mitgliedern ausgeschlossen werden sollen?
Natürlich nicht. Kein vernünftiger Mensch würde so handeln. Denn in dem Moment, in dem es um Leben, Krankheit, Angst oder Tod geht, spielt das Parteibuch plötzlich keine Rolle mehr. Dann zählt nur noch, dass irgendwo ein anderer Mensch entschieden hat, mit seinem eigenen Tod vielleicht noch ein Leben zu retten.
Der eigentliche Test der Demokratie
Demokratie bedeutet nicht, dass alle derselben Meinung sind. Demokratie bedeutet, politische Konflikte so auszutragen, dass Menschen trotz fundamentaler Differenzen weiterhin miteinander leben können. Das funktioniert nur, solange politische Gegner nicht zu moralisch minderwertigen Menschen erklärt werden.
Wenn aus politischem Streit eine gesellschaftliche Feinderklärung wird, verändert sich das Klima eines Landes. Dann steht irgendwann nicht mehr nur eine Partei unter Verdacht, sondern jeder, der sie wählt, unterstützt oder verteidigt: der Nachbar, der Kollege, der Arzt, der Handwerker oder der Organspender.
Und genau dort beginnt die eigentliche Gefahr für eine demokratische Gesellschaft. Nicht dort, wo Menschen unterschiedliche Parteien wählen, sondern dort, wo Mitbürgerlichkeit selbst langsam unter Vorbehalt gestellt wird.
Was bleibt
Selbstverständlich darf man die AfD kritisieren. So wie jede andere Partei auch. Aber darf ein Bundeskanzler Millionen Bürger dauerhaft zu „den Falschen“ erklären? Darf ein Generalsekretär politische Gegner zu „Nazis“ erklären, ohne dass diese Zuschreibung gerichtsfest ist? Darf eine Partei, die sich selbst jahrzehntelang als Volkspartei der Mitte verstanden hat, einen erheblichen Teil dieses Volkes moralisch außerhalb des akzeptierten Spektrums verorten?
Denn dieselbe Gesellschaft lebt jeden Tag von ihrer Arbeit, ihren Steuern, ihren Dienstleistungen, ihrem Engagement und im Zweifel sogar von ihrer Bereitschaft, nach dem eigenen Tod noch Leben zu retten.
Das Spenderherz lügt nicht. Es schlägt für jeden Menschen, der es braucht.
Vielleicht sollten Politiker wieder lernen, ähnlich über ihre Mitbürger zu sprechen.



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